Kultur : Akt unter Wölfen

Isabelle Huppert spielt Heiner Müllers „Quartett“ in Berlin – in der Regie von Robert Wilson

Rüdiger Schaper

Ein Spiel auf Zeit. Bis dass der kleine Tod euch scheidet.

Es werden heroische Zeiten gewesen sein, in denen man solche Worte vor ein Theaterstück setzte: „Salon vor der Französischen Revolution / Bunker nach dem Dritten Weltkrieg“. Heiner Müllers „Quartett“, uraufgeführt 1982, sein gewissermaßen populärstes Stück, nach wie vor. Weil das eisige Sentiment, der Sex, die Eifersucht, all diese Themen des erweiterten Unterleibs den historischen Komplex, das sozialistische Endzeit-Pathos überlagern. Was bleibt, ist der körperliche Verfall. Und die Frage, wie viele Personen gleichsam in der Luft liegen, wenn zwei sich lieben. Wenn zwei darin nachlassen, einander zu begehren.

Da thront Isabelle Huppert auf der Bühne des Berliner Festspielhauses, in der „Quartett“-Inszenierung Robert Wilsons, und all die Spielkartenfiguren sortieren sich in der Erinnerung neu. Marianne Hoppe und Martin Wuttke, die 1994 in Heiner Müllers Regie am Berliner Ensemble den Liebeskrieg spielten. Glenn Close und John Malkovich in dem Film, den Stephen Frears 1988 nach den „Liaisons dangereuses“ drehte, dem zweihundert Jahre zuvor entstandenen Briefroman des Choderlos de Laclos: Nicht, dass man sie vergessen könnte. Aber Isabelle Huppert macht das Blut abwechseln kochen und gefrieren. Sie ist die Merteuil und zugleich alle anderen Frauen, Jungfrauen, Gesellschaftsmonster, Kurtisanen, die in den Müllerschen Boudoir-Fantasien spuken.

Die Franzosen haben Müller immer geliebt, und Wilson, der europäischste aller Amerikaner, hat ihn glühend verehrt. „Quartett“, aufs neue unerhört. Der französische Sprachgesang wirkt ebenso befreiend (Puristen würden sagen: auch verflachend) wie Robert Wilsons Animationstechnik mit ihren manchmal slapstickhaften Soundeffekten, die dem japanischen Theater entlehnt sind, ihren Farborgien, Grimassen und putzigen Raubtiernummern. Ein Gastspiel vom Pariser Odéon bei der Spielzeit Europa, das ein bisschen wie Weihnachten ist, ein Fest.

Und beinahe abgesagt worden wäre. Nach ihrer Ankunft in Berlin musste Isabelle Huppert ins Krankenhaus gebracht werden, schwere Meniskusverletzung. Sie kann kaum stehen und keine Gänge auf der Bühne machen. Aber sie ist am Donnerstagabend aufgetreten, im Triumph. Sie hat sich nichts anmerken lassen – und sie wurde getragen. Vom Text. Und von einem kräftigen jungen Tänzer, der sie im Halbdunkel auf ihre Positionen brachte. Es sind nicht viele Stellungswechsel, Wilsons Theater lebt bekanntermaßen von seiner bebenden Statik. Also kommt es auf jeden Schritt an. Und hätte man nichts gewusst von Isabelle Hupperts Unfall, so hätte man es, zumal im Schlussbild, für einen genialen Regieeinfall gehalten. Wie der Mann sie aufhebt, federleicht, elegant, und wie sie, auf seinen Armen entschwebend, ins Nichts zu gehen scheint, nach hinten weg, mit den letzten Worten des Stücks, die auf deutsch lauten: „Tod einer Hure. Jetzt sind wir allein. Krebs mein Geliebter.“

Beim Theatergott, der sich doch dann und wann zeigt: Was kommt da zusammen! Müllers Krebstod, am 30. Dezember vor elf Jahren. Die Bilder einer anderen Pariser Aufführung, die vor Jahresfrist im Berliner Festspielhaus zu erleben war, Isabelle Huppert im Sarah-Kane-Monolog „4.48 Psychose“. Und noch einmal die Wilson-Müller-Maschine, die ja auch eine große Legende ist, mehr Desiderat als Realität. Viele Müller-Stücke hat Robert Wilson nicht in Szene gesetzt. Natürlich, die berühmte „Hamletmaschine“ aus New York und Hamburg, Teile der „CIVIL warS“, und dann die grandios gescheiterte Zusammenarbeit der beiden bei „Death, Destruction and Detroit II“ an der Schaubühne.

Heiner Müller war so angetan von Wilsons Poesie, weil sie ihn, den deutschen Dichter, leicht machte. Weil nur ein Robert Wilson auf so etwas kommt: „Quartett“ zu fünft. Ariel Garcia Valdès, Hupperts Partner, bringt sich mit überlegener Zurückhaltung ins Spiel; ein Vampir, ein Valmont, der Mephisto heißen könnte. Er im roten Wams, sie im violetten, bodenlangen, eng anliegenden Abendkleid. Er mit glattem, öligem Haar, sie mit eingefrorener Sturmfrisur. Und ihre Stimme: schneidend süß, diese Marquise der Merteuil ist von einer kaum zu ertragenden intellektuellen Einsamkeit.

Und drum herum ein Albtraumzirkus. Ein alter Mann mit nackten Füßen, wie der Geist von Hamlets Vater, er schlurft herein, setzt sich, lacht. Eine Ballettelfe mit Beinen, so lang aufragend wie die berühmten Wilson’schen Stühle. Und jener Beau und Tänzer, der hier der Merteuil wie ein unverhofftes Abenteuer zuwächst. Und wenn man sich plötzlich wie im falschen Film fühlt, dann liegt es an der Musik von Robert Galasso. Er schrieb den Soundtrack zu Wong Kar- wais „In the Mood for Love“ – und Michael Thalheimers „Emilia Galotti“ vom Deutschen Theater Berlin. Ein endloses Wogen, eine durchaus penetrante Melodramatik, die Wilsons strengen Aufbau konterkariert.

Jedoch: Robert Wilson setzt hier – die „Quartett“-Premiere war Ende September in Paris – gar nicht so sehr auf seine geometrische Dramaturgie. Er bewegt sich, mit nunmehr 65 Jahren, gelassen im eigenen Parcours. Der Bühnenprospekt, eine arkadische Landschaft à la Watteau, die am Anfang und am Ende der bald zweistündigen Seánce steht, ironisiert die Müllerschen Schweinereien, ja, man wird versöhnt mit der Erbarmungslosigkeit eines Textes, der Sex als einzigen Ausweg zelebriert – und dieser Weg führt ins luxuriöse Verderben.

Müllers Spracherotik war freilich eine andere als jene, die in Wilsons Bildersprache aufscheint. Man könnte sogar sagen, dass Wilson bekleidet, wo Müller auszieht. So wird das ein lustiges Wechselspiel. Ars longa, vita brevis: Das wäre Wilson. Bei Müller heißt es über eine Entjungferung: „Kurz ist der Schmerz und ewig die Freude.“ Und dieses Ewigkeitsgefühl ist dann wieder im Wilson-Theater aufgehoben. Müller sah die Merteuils und Valmonts schon unter der Guillotine, die reden sie geradezu herbei. Wilsons Revolution ist eher ein brillant gesetztes Schlaglicht auf dem Galgen. Er, der „Interpretation“ stets verweigert und nur von „Form“ spricht, schafft der Geschichte einen großen, letztlich leeren Resonanzraum.

Es hängt dann fast alles an den Solisten, wie in der Oper. Isabelle Huppert ist schon eine französische Revolution für sich. So schmal, so umwerfend. Eher schmallippig, wie die meisten sinnlichen Frauen. Und wer mit Wilson spielt, greift nach dem Übersinnlichen. Ende des ins Unendliche hinausgezögerten Nachspiels. Sex im „Quartett“ von Müller und Wilson kennt keinen Akt mehr, nur noch traurige Tiere.

Rauschender Applaus für das Pariser Quintett. Und Isabelle Huppert hüpft auf einem Bein an die Rampe, lächelnd.

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