Kultur : Akten und Fakten

Saisonstart im HAU: Hans-Werner Kroesinger und die Big Art Group

Christine Wahl

Am 15. März 1921 erschoss ein junger Armenier den ehemaligen türkischen Innenminister Talaat Pascha, der für die Massaker an den Armeniern 1915/16 verantwortlich war, im Berliner Exil. Der Täter wurde von einem deutschen Gericht freigesprochen. An diesem Punkt nimmt Hans-Werner Kroesingers großartiges, konzentriertes und Konzentration erforderndes Dokumentarstück „History Tilt“ seine Forschungen auf. Ein hochbrisanter Stoff: Die Türkei weigert sich bis heute, den Völkermord anzuerkennen. Erst kürzlich hatten sich zwei türkische Schriftsteller – Orhan Pamuk und Elif Shafak – für seine Erwähnung vor Gericht zu verantworten. Das Bundesland Brandenburg, das den Genozid 2002 auf den Geschichtslehrplan setzte, musste auf türkischen Druck die Schulbücher modifizieren.

Kroesinger forscht entlang zweier Hauptlinien; zweier Perspektiven, die gleichzeitig gegenläufige Strategien von Veröffentlichung und Verhüllung bloßlegen. Zum einen folgen wir dem Prozess gegen den Mörder Talaat Paschas, in dem unvorstellbar grausame Details der Massaker zur Sprache kommen. Diese Dokumente kontrastiert Kroesinger mit der internen Kommunikation des deutschen Auswärtigen Amtes. Die Türkei war Verbündeter des Kaiserreiches: Die deutsche Botschaft in Konstantinopel wurde aus Berlin gemaßregelt, nicht einzugreifen. Ästhetisch klug und minimalistisch übersetzt „History Tilt“ den Forschungsprozess in einen riesigen Archivraum: Die Schauspieler vertiefen sich in hunderte Pappkartons mit Aktenordnern; bleiben zu ihren Funden auf Distanz, tauschen immer wieder die Rollen: Die Wahrheit, wissen sie, ist immer auch eine Frage der Akte, die man öffnet.

Wieder am 6. bis 8. Okt., 20 Uhr, HAU 3

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Ein Cursor blinkt, dann knallen dicke pinke Großbuchstaben auf die Leinwände: „I am 28 years old and I want to be eaten.“ Man denkt sofort an die Geschichte des Kannibalen von Rotenburg, der sich über das Internet mit seinem Opfer verabredete. „I will do it“, antwortet jemand, ich werde dich schlachten. Ein atemloser, beklemmender Chat entspinnt sich. Immer wieder liest man: „I am not false“, „I am not bullshit“. Ich bin echt, und ich mein’s ernst.

Caden Manson hat mit seiner„Big Art Group“ bereits in den vergangenen drei Jahren am HAU Station gemacht. In Stücken wie „Shelf Life“, „Flicker“ und „House Of No More“ hat er die „RealTime-Film“-Technik entwickelt, einen Mix aus Film und Performance, in dem die Schauspieler immer auch als ihr filmisches Double agieren. In der neuen – Deutsch übertitelten – Arbeit beschäftigt sich der New Yorker Performance-Künstler wiederum mit medienvermittelter Wahrnehmung und den Bruchstellen zwischen Realität und Virtualität.

Was auf Bühne und Leinwänden gezeigt wird, ist stellenweise durchaus beeindruckend. Wenn zu Beginn nur die Leinwände leuchten, von Pink zu Gelb zu Blau, Rot, Grün die Farben wechseln, der Wechsel dann immer schneller und hektischer wird, ein Farbgewitter losbricht und die bisher bassig-warmen Sounds in einer hubschraubernden Tonstörung explodieren, trifft das direkt in Kopf und Magengrube, blendet und lähmt.

Aber es laufen nicht nur Farben über die Screens. Da bricht eine wilde Videocollage los: Demonstranten, Politiker, Rockmusiker, Polizisten, Actionfilm-Explosionen, verschleierte Frauen zwischen aufgebahrten Leichen. Die sechs Performer stehen vor der Leinwand und lassen die Bilder Regie über ihre Körper übernehmen. Eine Choreografie entsteht aus dem Gezappe: geballte Fäuste, wackelnde Hüften, gebleckte Zähne und: Applaus. Tanz mir das Medientheater, klatsch mir das Einverständnis. Ist Persönlichkeit nur Imitation?

An Authentizität glaubt hier niemand. Trotz aller „Ich bin echt“-Beteuerungen und „Eat me“-T-Shirt: zersplitterte Wahrnehmung, fragmentierte Subjekte. Aber da ist eben auch die Sehnsucht nach Echtheit und das Bedürfnis nach Nähe – überspitzt in der Kannibalismusmetapher. Was als Bild für die Traumata der Multimediagesellschaft taugt, wird problematisch, wenn sich Schlachter und freiwilliges Opfer eine Liebesgeschichte, eine „Über-Freundschaft“ zurechtträumen. Hier versteckt sich das Stück hinter seiner Form. Und verschwimmt im Fragwürdigen: Kommt man heute nur noch durch Gewalt und Tod zum Glück?

Es gibt keine Antwort. Zum Schluss bläst sich ein riesiger schwarzer Plastikballon auf, ein wogendes Nichts, eine Albtraumwelle. Irgendwann füllt er die ganze Bühne aus, reicht fast bis zur Decke. Dann geht das Saallicht an. Keine Verbeugungen. Die Performer bleiben verschluckt. Jan Oberländer

Noch am 6. und 7. Okt., 20 Uhr, HAU 2

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