"Aktion N!" im Heimathafen : Die Silberlöffel der Familie Mandel

Was geschah mit dem Besitz deportierter jüdischer Nachbarn? Das Recherchestück „Aktion N!“ im Heimathafen Neukölln.

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Regisseurin Stefanie Aehnelt (3. v. r.) im Heimathafen Neukölln und Mitglieder der Gruppe "Aktion N!".
Regisseurin Stefanie Aehnelt (3. v. r.) im Heimathafen Neukölln und Mitglieder der Gruppe "Aktion N!".Foto: Mike Wolff

Neuköllner Themen aufzugreifen ist das erklärte Programm des Heimathafen Neukölln. Für das jüngste Projekt „Aktion N!“ gab die Geschichte des Saalbaus in der Karl-Marx-Straße 141, den das Heimathafen-Kollektiv seit 2009 bespielt, den Anstoß. Der Saalbau war bis zum Zweiten Weltkrieg ein angesagter Vergnügungsort. Damals wurde der Saal zum Ufa-Kino umfunktioniert – wurde aber auch noch anderweitig genutzt. „Vor Längerem haben wir gelesen, dass im ,Dritten Reich’ in dem Saal Möbel von deportierten jüdischen Neuköllnern eingelagert wurden“, erzählt Stefanie Aehnelt, die dem Leitungsteam angehört. „Das waren nur wenige Sätze, ganz unkonkret. Deshalb wollten wir nachforschen, wie das genau war und welche Menschen dahinterstecken.“

Das Heimathafen-Kollektiv hat sich nicht allein auf Spurensuche begeben. Es hat ein Bürgerprojekt ins Leben gerufen mit Neuköllnern, die Lust hatten, mitzugraben. In dem Doku-Theaterstück „Aktion N!“ versuchen nun sieben Frauen und ein Mann zu rekonstruieren, was im Februar 1942 in dem Städtischen Saalbau passierte. Sie stellen sich mit ihren Vornamen vor und erzählen zunächst, warum sie mitmachen. Die aus dem Iran stammende Solmaz fasst dann den Stand der Forschungen zusammen: „Wir haben erstaunlich wenig herausgefunden, andererseits aber auch ziemlich viel.“

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Das Stück "Aktion N – Ein Neuköllner NS-Untersuchungsausschuss" im Heimathafen Neukölln begibt sich auf Spurensuche nach jüdischem Eigentum.
Heimathafen Neukölln: Die Möbel unserer jüdischen Nachbarn

Die Gruppe hat aufwendige Recherchen betrieben in Archiven und Bibliotheken. „Unsere Hauptinformationsquelle war das Landeshauptarchiv in Potsdam, wo auch die alten Akten des Oberfinanzpräsidenten Berlin liegen“, berichtet Aehnelt. „Dort war genau aufgelistet, wem was genommen wurde – die ganzen Fakten der Vermögensverwertung.“ Dort haben sie Hinweise auf den Saalbau gefunden – und sind dann endlich auch auf Namen gestoßen. „Wir haben fünf jüdische Familien gefunden, deren Eigentum wir definitiv unserem Gebäude zuordnen können – mehr nicht, weil viele Akten gar nicht mehr erhalten sind. Natürlich gehen wir davon aus, dass es mehr waren“, stellt Aehnelt fest.

Eine Tour durch das Neukölln der NS-Zeit

„Zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen“: Auf diese Formel stießen die Amateur-Historiker immer wieder in den Akten. Eine Umschreibung für den legalisierten Raub. Die bürokratischen Vorgänge werden nun in „Aktion N!“ mit Namen und Schicksalen verknüpft.

Zunächst wird von Max und Gertrud Mandel berichtet, die in der Berliner Str. 31 wohnten. Zwei Stolpersteine in der Karl-Marx-Straße 56 (vormals Berliner Straße) erinnern heute an das Ehepaar, das im November 1941 nach Minsk deportiert und dort ermordet wurde. An die anderen jüdischen Neuköllner, deren Fährte das Stück aufnimmt, erinnern bislang keine Gedenktafeln: Hedwig und Emil Wolff in der Sanderstr. 23. Simon Luft in der Berliner Str. 11. Emil und Erna Pese in der Emserstr. 109. Paul Leske am Kottbusser Damm 77.

Der Abend ist eine Tour durch das Neukölln der NS-Zeit. Es war offenkundig nicht leicht, etwas über das Leben der deportierten und ermordeten Juden aus Neukölln herauszufinden. Auch wenn die Teilnehmer der Geschichts-AG versucht haben, über Facebook Kontakt zu Angehörigen aufzunehmen. Doch sie stießen auf Listen, in denen akribisch der gesamte Besitz aufgelistet ist. Die zur „Abschiebung“ bestimmten Juden mussten solche „Vermögenserklärungen“ ausfüllen und bei der Gestapo abliefern.

Massen kamen zu den Auktionen jüdischen Eigentums

Die Mandels haben neben den Betten, Tischen und Sesseln auch angegeben: Zwölf silberne Kaffeelöffel. 29 Schallplatten. Zwei Trödler in Neukölln haben das beschlagnahmte jüdische Eigentum zu Spottpreisen verhökert. Sie waren auch für die Räumung der Wohnungen zuständig. Zudem gab es öffentliche Versteigerungen, bei denen die Habseligkeiten der Deportierten veräußert wurden.

Der Abend klärt nicht nur auf über das gigantische System der „Vermögensverwertung“ und die Rolle der Reichsfinanzdirektion. Er zeigt auch, wie viele ganz normale Bürger davon profitiert haben. „Ich habe Fotos gesehen, wo sich Menschentrauben bei einer Auktion drängen, in vollem Wissen, dass die dort verkauften Dinge von den ehemaligen Nachbarn stammen“, erzählt Aehnelt. „Es geht darum zu begreifen, dass es nicht die ,Nazis’ waren, die so was machten. Wenn einer nur einen Tisch aus jüdischem Besitz beim Trödler kaufte, war er schon Teil des Systems.“

Der Besitz der Familie Pese hatte einen Gesamtwert von 654,50 Reichsmark, so schätzte es ein Gerichtsvollzieher. Beim Ausverkauf konnte man die Möbelstücke schon für 50 Pfennig oder eine Mark ergattern. Und als das grüne Plüschsofa der Peses in die nationalsozialistische Verwertungskette eintrat, waren seine Besitzer längst deportiert und ermordet.

Nur in einem Fall, so wird berichtet, wurde von den Verwandten eines ermordeten Juden eine Wiedergutmachung gefordert. Acht Jahre zog sich die Verhandlung hin, schließlich wurden ihnen 1324 Mark ausgezahlt. Eine junge Brasilianerin rechnet das mal durch. Der Wert des geraubten jüdischen Vermögens belaufe sich auf insgesamt 220 Milliarden US- Dollar. Die Bundesregierung habe aber nur insgesamt 71 Millionen als Entschädigung für NS-Unrecht gezahlt. Es gibt noch offene Rechnungen – zu diesem Schluss kommt der Abend. „Wir fragen auch, welche Arten der Wiedergutmachung es gab und gibt und spinnen die Fäden weiter in die Gegenwart. Welche Schuld und welche Schulden haben wir noch heute?“ fragt Aehnelt.

Auch der Prozess gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning, den „Buchhalter von Auschwitz“, wird thematisiert. „Das war für uns ein Geschenk, weil es den Bezug zwischen damals und heute herstellt. Gerade weil er der Vermögensverwertung gedient hat, er hat die Wertgegenstände gesammelt“, sagt die Regisseurin.

Der 68-jährige Wolfgang, der Älteste aus der Gruppe, erzählt am Ende, er hätte seine Eltern gern noch einiges gefragt. Das ginge nicht mehr, weil sie schon tot seien. Er spricht sicher auch im Namen der anderen Gruppenmitglieder, wenn er erklärt: „Ich werde weiterforschen.“

Heimathafen Neukölln, Fr 11.9., 20 Uhr (Premiere), auch 12., 25. u. 26.9., 20 Uhr

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