Kultur : Aktion Stromstoß

Frank Noack

Tom Tykwer, auf dessen „Parfüm“ wir warten wie auf keinen zweiten Film, ist besonders für seine innovative Verbindung von Real- und Zeichentrickaufnahmen in „Lola rennt“ bewundert worden. Dabei war dieser Einfall so neu nicht. Zahlreiche Musicals und Komödien enthielten Cartoon-Einschübe. Der vermutlich erste Versuch, einen todernsten Film mit gezeichneten Sequenzen zu versehen, war Fünf Tage – fünf Nächte (1961), Lew Arnschtams hinreißend pathetische Koproduktion von DEFA und Mosfilm. Es geht darin um den Versuch sowjetischer Soldaten, im zerbombten Dresden unter Lebensgefahr wertvolle Gemälde zu retten (Freitag und Sonnabend im Zeughauskino). Ein deutscher Maler hilft ihnen. Wenn er an seine Geliebte zurückdenkt, die in ein KZ verschleppt wurde, besteht diese Rückblende aus Aquarellen – ein hübscher Einfall.

Innovation ist nicht immer Ausdruck von Kunstwillen. Der Regisseur und Produzent William Castle genoss in den sechziger Jahren dasselbe Ansehen wie heute Jerry Bruckheimer. Er spezialisierte sich auf laute Horrorfilme, und der Horror spielte sich nicht nur auf der Leinwand ab. Schrei, wenn der Tingler kommt (1959) mit Vincent Price enthielt die gewagteste Innovation seit Ton, Farbe und Breitwand: „Percepto“. Die Sitze waren verkabelt; an ausgewählten Stellen erhielten die Zuschauer Stromstöße. Unwahrscheinlich allerdings, dass das Babylon Mitte für Mittwoch entsprechende Vorkehrungen getroffen hat.

Die bedeutendste Innovation der Filmgeschichte ist nach wie vor der Ton – dabei sind die besten frühen Tonfilme durch eine Verweigerungshaltung gekennzeichnet. In Großbritannien wurde Alfred Hitchcock die neue Technik anvertraut, dessen Thriller Blackmail (1929) die Sprache als notwendiges Übel betrachtete (Freitag und Sonntag im Zeughauskino). Er besetzte die Hauptrolle mit der Tschechin Anny Ondra, der späteren Ehefrau von Max Schmeling. Ihr Englisch war so schwach, dass sie synchronisiert werden musste, aber die kesse Blondine bot immerhin einiges fürs Auge.

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