Aktionskunst : Blut & Besen

Seine wichtigste Erfindung wurde das Orgien-Mysterien-Theater, mit dem er seine Anhängerschaft hinter sich scharte. Dem Aktionskünstler Hermann Nitsch zum 70.

Nicola Kuhn

Seine große Zeit hatte der Wiener Aktionismus in den sechziger Jahren, jene Bewegung, in der Kunst und Leben mit recht drastischen Mitteln kurzgeschlossen werden sollten und die in teils lebensgefährlichen Performances neue Sphären der Wahrnehmung zu erreichen versuchte. Aktiv geblieben aus jener Zeit ist nur einer, der es mit seinem unverdrossenen Glauben an die Kraft des Exzesses zu kunsthistorischer Größe gebracht hat: Hermann Nitsch.

Der gebürtige Wiener entwickelte zunächst – animiert von Jackson Pollocks Action-Paintings – seine Schüttbilder, bei denen er die Leinwand mit roter Farbe überzog und sie anschließend mit Händen, Füßen und Besen traktierte. Seine wichtigste Erfindung wurde jedoch das Orgien-Mysterien-Theater, mit dem er seine eigentliche Anhängerschaft hinter sich scharte. Das bis zu sechs Tage dauernde Happening, von ritualartigen blutigen Schlachtungen, szenischen Kreuzigungen und Umzügen der weiß gewandeten Teilnehmer begleitet, wurde eine regelrechte Instititution, nachdem Nitsch 1971 Schloss Prinzendorf im gleichnamigen Flecken nahe Wien erworben hatte.

Auch wenn Nitschs leidenschaftlichste Gegner seinem Wiener Galeristen schon mal eine Fuhre Mist vor die Türe kippten, haben die Österreicher über die Jahre doch ihren Frieden mit dem graubärtigen enfant terrible geschlossen. 2005 durfte er zum Jubiläum des Wiener Burgtheaters seine 122. Aktion im historischen Theatersaal aufführen – mit abgedeckter Bestuhlung. Der österreichische Staatspreis ließ dann nicht lange auf sich warten.

Die Weihen des Kunstbetriebs besitzt der stets von Helferscharen begleitete Gesamtkunstwerker ohnehin längst: 1989 berief ihn die Städelsche Kunstschule nach Frankfurt, 2007 erhielt er im österreichischen Mistelbach ein eigenes Museum, und zu seinem heutigen 70. Geburtstag eröffnet in Neapel ein weiteres Nitsch-Haus.

Ein Ritterschlag war auch die Retrospektive vor zwei Jahren im Berliner Martin-Gropius-Bau, bei der Schüttbilder, liturgisches Gerät und Gewänder großzügig ausgebreitet wurden. Weihrauch und Orgelbrausen empfingen den Besucher und verrieten sogleich, worin die Stärke dieses ausufernden, aber zugleich aus wenigen Komponenten aufgebauten Werks besteht: Im rauschhaften Moment, der sich am Ende in kein Museum bannen lässt. 

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