Kultur : Al Gore Biografie: Der Juniorpräsident

Kai-Uwe Merz

Wer ist Al Gore? Endgültig herausgefunden hat das der demokratische Bewerber um die US-Präsidentschaft selbst noch nicht, stellt Peter Neumann in seiner Biografie des 52-jährigen Vizepräsidenten fest. Auch die Öffentlichkeit weiß wenig über den hölzern wirkenden Senatorensohn aus Tennessee.

Neumann beschreibt Gores Leben als Weg fortschreitender Selbstvergewisserung. Sein einflussreiches Umweltbuch "Wege zum Gleichgewicht" (1992) interpretiert Neumann als Instrument persönlicher Krisenbewältigung im Gefolge der gescheiterten Präsidentschaftsbewerbung von 1988. Ein Sachbuch zu schreiben, keine Autobiografie, erscheint als Identitätsfindung à la Gore.

Ökologie ist nach Ansicht des Autors Gores wichtigstes Anliegen, seine politische Triebfeder. Als erster "grüner" Präsident wolle er sich profilieren. Neumann dämpft die Erwartungen: "Der Instinkt des Politikers ist in Gore stärker ausgeprägt als der des Umweltschützers." Seine Karriere zeigt: "Gore hat sich über zwei Jahrzehnte im Kongress und im Weißen Haus eine programmatische Basis erarbeitet. Das ist seine Stärke. Dabei hat er gelernt, was Wählern wichtig ist. Und er hat verstanden, Umweltpolitik als Maßnahme zu verkaufen, die Lebensqualität steigert und nicht einschränkt."

US-Vizepräsidenten gelten als lahme Enten vom Amt. Anders Gore. Ihn hat Bill Clinton zum "Juniorpräsidenten" aufgebaut, zum bisher vielleicht mächtigsten zweiten Mann im Weißen Haus. Das belegt die Rolle Gores bei der Bewältigung der Krise in Clintons erster Amtszeit. Da beweist Gore überraschendes strategisches Geschick und unbeirrbare Sturheit.

Gore ist anders als sein Chef kein begnadeter Kommunikator und keine farbige Persönlichkeit. Sein Image als Langweiler ("Al Bore") bekämpft er schon seine gesamte Karriere über mit gezielt dosierter Persönlichkeits-Preisgabe. Der Lungenkrebs-Tod seiner Schwester, der lebensbedrohliche Unfall seines Sohnes. Das sind Schicksalsschläge, die Gore genutzt hat, um sich selbst menschlich greifbar zu machen. Dem diente auch die Enthüllung, seine Frau Tipper und er hätten angeblich Modell für das tragisch liebende Paar der "Love-Story" gestanden. Neumann zeigt den begrenzten Erfolg solch verkrampfter PR: Gore kommt am besten rüber, wenn er Sache macht.

Dabei hat er im Gegensatz zum Rivalen George W. Bush viel Konkretes vorzuweisen. Gore hat die globale Debatte um den Treibhauseffekt angestoßen. 1986 regte er das Gesetz an, durch das fünf Supercomputer-Zentren geschaffen wurden. Als "Erfinder des Internet" pries er sich deshalb Anfang 1999, erntete dafür reichlich Spott.

Gores Sturheit in der Sache hat Clinton gelegentlich in Rage gebracht. Doch davon drang selten etwas nach außen. "Prinzip Gore" nennt das Neumann - "absolute Loyalität zum Präsidenten in der Öffentlichkeit, intensives Lobbying unter vier Augen". Jetzt im Wahlkampf erwartet Gore die Gegenleistung. Auch für seine nur behutsam distanzierte Haltung in der Lewinsky-Affäre.

Wer ist Gore? Nach der Lektüre der Biografie des 26-jährigen Radiojournalisten Neumann weiß der Leser mehr über den "Mann ohne Eigenschaften". Im Überblick treten Entwicklungslinien hervor, aber auch Widersprüche. Beispiel Vietnam: Gore lehnte den Krieg wie sein Vater ab, leistete aber seinen Dienst ab. Als Army-Journalist.

Mag Gore sich auch im Rennen um die Macht zuweilen selbst im Weg stehen, ein Politiker, der zu sich selbst Distanz wahrt, braucht kein schlechter Politiker sein. Neumann: "Für den Rest der Welt wäre die Wahl Gores zum Präsidenten der USA eine gute Nachricht."

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