Al Pacino : Jedes Spiel ist Krieg

Mafioso, Macho, Charmeur: Zum 70. Geburtstag des großen Schauspielers Al Pacino.

Helmut Merker
Asphaltblüte. Al Pacino vor seinem Konterfei in „Kurzer Prozess – Righteous Kill“. Foto: laif
Asphaltblüte. Al Pacino vor seinem Konterfei in „Kurzer Prozess – Righteous Kill“. Foto: laifFoto: Dario Pignatelli/Polaris/laif

Er kämpft mit der Mafia und mit Robert De Niro, mit der Schlaflosigkeit und der Tabakindustrie, mit dem Teufel, den eigenen Dämonen – und auch noch mit Shakespeare und der amerikanischen Football-Liga. Al Pacino ist nur 1,70 Meter groß, aber wenn er in einer Runde von Geschäftsfeinden auftritt, schauen alle zu ihm auf. Manchmal braucht er dafür viele Worte, oft genügt seine Miene: Big brown eyes, schwere Lider, eine hochgezogene Augenbraue. Nur, durchschaut er seinen Widerpart jetzt oder schaut er durch ihn hindurch? Erkennt er, was der lieber verborgen hielte, oder nimmt er ihn gar nicht mehr wahr?

Das kann einen verunsichern wie den Politiker in „Der Pate II“, wenn er die Kennzeichen des von Pacino gespielten verhassten Michael Corleone so zusammenfasst: „Öliges Haar, Seidenhemden, Maßanzüge und dieses ganze italienische Gehabe“. Dahinter steckt der Neid des Emporkömmlings auf europäische Tradition, des korrupten Senators aus Virginia auf einen, den das Flair eines Senators des alten Rom umgibt.

Al Pacinos Eltern stammen aus Sizilien, geboren wird er in New York. Statt zur Schule geht er lieber ins Kino und auf kleine Vorstadtbühnen. Erste Rollen hat er in Stücken mit schönen Titeln wie „Der Indianer will die Bronx“ oder „Trägt der Tiger eine Krawatte?“. Dann dreht er zwei Filme unter Regie von Jerry Schatzberg, „Panik im Needle Park“ und „Asphaltblüten“, als Junkie und Tramp. Mit 30 ist er schon ganz oben, in Coppolas Mafia-Epos. Als Sprungbrett dient ihm auch die Ausbildung im berühmten Actors Studio von Lee Strasberg. Nun, in „Der Pate“, spielt er neben dem Method-Acting-Vorbild Marlon Brando und trifft in einer Szene auch mit seinem Lehrmeister zusammen, einem weißhaarigen älteren Herrn, mit dem er weitere Morde zum Zweck geschäftlicher Interessen bespricht. Und Pacino sagt zu Lee Strasberg: „Sie sind ein guter Mann, Mr. Roth. Ich lerne viel von Ihnen.“

Dann legt er los, mit all den ambivalenten Figuren, die an Abgründen von Größenwahn, Paranoia und fiebriger Energie entlangtänzeln: der einsame Polizist „Serpico“, der sich im Kampf gegen die Korruption seine Kollegen zu Feinden macht, oder der Bankräuber in „Hundstage“, dem alles über den Kopf wächst, der Undercover-Cop im Schwulenmilieu („Cruising“) oder der skrupellose Immobilienhändler („Glengarry Glen Ross“), der Gauner, den sein Ehrbegriff auf „Carlito’s Way“ in den Untergang führt oder der Bürgermeister in „City Hall“, der sich ins Mafia-Netz verstrickt. Getriebene sind sie: zwischen ungesetzlichem Tun und fanatischem Eifer für Recht „und Gerechtigkeit für alle“.

„Donnie Brasco“ und „Heat“: Großstadtdschungelgeschichten von Cop und Gangster – wie sie einander jagen und sich ineinander spiegeln, Dramen von Freundschaft und Verrat unter Männern. Die beiden Stars der New-Hollwood-Generation Al Pacino und Robert De Niro als Todfeinde, die einander so ähnlich sind. Eine kühlere Hitze als in ihrem „Heat“-Duell hat die Filmgeschichte nicht zu bieten. Und wo bleibt „Der Duft der Frauen“? Nach sechs Nominierungen bringt ihm der Film immerhin den Oscar für seine Rolle als blinder Offizier auf entfesselter Amüsier-Tournee.

Als Partnerinnen unvergesslich sind vor allem Ellen Barkin, die ihm in „Sea of Love – Melodie des Todes“ so noir und mysteriös begegnet, dass seine ganze Polizeiroutine ins Wanken gerät. Und natürlich Michelle Pfeiffer, gleich zweimal, an den entgegengesetzten Polen seines Rollenspektrums: im Gangsterdrama „Scarface“ mit dem koksenden Potenzprotz Toni Montana und in der New Yorker Liebesgeschichte zwischen Koch und Kellnerin „Frankie & Johnny“.

Als ironischer Großkotz und enervierender Charmeur, mit der Rauflust und dem Slang der New Yorker Straßengangs, narzisstisch und naiv, erobert er sich auch seinen Shakespeare-Helden: nicht Hamlet, den Zweifler, sondern Richard III., den Mörder. Bei „Looking for Richard“ (1996) ist Al Pacino Regisseur, Hauptdarsteller, Initiator, Usurpator – und mit dem Film auch noch ältester Regiedebütant beim Festival in Cannes.

Dieselbe Lust treibt ihn „An jedem verdammten Sonntag“ als Motivator seiner Football-Mannschaft an. Sein Motto: Jedes Spiel ein Krieg. Diese Trainer-Naturgewalt haben die Fußballexperten hierzulande kaum erkannt, im Gegensatz zu den Kinogängern in aller Welt. Für sie ist klar: Al Pacinos Geburtstag heute vor 70 Jahren mag ein Donnerstag gewesen sein. Für die Filmgeschichte ist er ein verdammt guter Sonntag.

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