Kultur : Al Qaida auf der Couch

Den Terror analysieren, um ihn zu bekämpfen: Psychologen aus aller Welt diskutierten in Berlin

Caroline Fetscher

Zeit seines Lebens mokierte sich Vladimir Nabokov über die  Psychoanalyse und ihre ewig vergeblichen Versuche, das Unergründliche der Liebe zu entzaubern. Zu den Gegnern der von Sigmund Freud begründeten Zunft zählen aber nicht nur kluge Dichter und Denker. Nachdem in den Siebziger- und Achtzigerjahren psychoanalytische Deutungsmuster im Westen boomten, sind diese heute durch Gurus in Misskredit geraten, die ihren Kunden ans Konto gehen.

Gleichwohl gibt es Zonen des emotionalen Agierens, in denen die seriöse Psychoanalyse zur Erkenntnis verhelfen kann. Etwa, wo es um das Verstehen kollektiver Fantasien und extremer Gewalt von Al Qaida und anderen, ethnisch oder religiös motivierten Gruppen geht. Denn nur wer begreift, wie extreme Gewaltbereitschaft entsteht, kann sie auch wirksam bekämpfen. So zog am vergangenen Wochenende eine Internationale Tagung zum Thema „Terror, Gewalt und Gesellschaft“ Scharen von Forschern in den Europasaal des Auswärtigem Amtes in Berlin. Die Arbeitsgruppe Terror und Terrorismus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung lud Experten aus aller Welt: Fachleute aus Indien, Algerien, Frankreich, Israel, den USA, Brasilien, Norwegen und Deutschland, die meisten  Psychoanalytiker. Sie debattierten mit Kriminologen, Terrorexperten, Diplomaten, Historikern, Ärzten und Soziologen. „Eine Pioniertagung“, erklärte der norwegische Analytiker Sverre Varvin zum Abschluss.

Der international aktive Psycho-Diplomat Vamik Volkan hat Studien zu Milosevics strategischer Wiederbelebung einer fiktiven „jahrhundertealten Opferrolle der Serben im Kosovo“ betrieben. Der zypriotisch-islamische Gründer des „Center for the Study of Human Mind and Interaction“ der Universität von Virginia, USA, bilanziert die Tagung mit dem Wunsch nach einer neuen diplomatischen Kultur. Nach einer Diplomatie, die sich weniger mit Panik und Abwehr befasst als mit Analyse und sogar Empathie.

Wer statt das Böse zu dämonisieren nach dessen Ursachen forscht, legt die Terroristen gleichsam auf die Couch: Al Qaida, palästinensische Selbstmordbomber, islamische und protestantische Fundamentalisten. Oder Gruppen wie IRA und ETA, Warlords in Afrika, die Taliban in Afghanistan. Auf dieser Couch kommt weniger das Individuelle zur Sprache als die Psychopathologie ganzer Gemeinschaften und Gesellschaften.

Werner Bohleber, Analytiker aus Frankfurt, interessiert sich für Mohammed Atta und seine Komplizen, die Planer des 11. September 2001.  In der Psychodynamik terroristischer Gewalt sieht er das Wirken von Parallelwelten am Werk. Durch systematisches Brainwashing und Gruppendruck entstehen „fundamentalistische Narrative“, Abspaltungen innerer Aggression und Projektionen, in denen „die Anderen“ als unrein und bedrohlich erscheinen. Ein seelischer Konflikt, der zu einem „destruktiven Enddrama“ führt.

Das gilt laut Bohleber nicht allein für Al Qaida. „Kälte und Erbarmungslosigkeit“ gegenüber den „Ungläubigen“ diagnostiziert er auch bei protestantischen Fundamentalisten in den USA, deren Weltverständnis ebenso wenig Individualität, Introspektion und Diskussion zulässt wie das von radikalen Islamisten.

Ruth Stein, Analytikerin aus den USA, liest in Mohammed Attas passionierten Briefen an „Allah“ eine unerfüllte Sehnsucht nach einem ambivalenten VaterGott, dessen Strafe man durch Selbstopferung entgeht: die Perversion von Religiosität. Wie kommt es dazu, dass arabische Mitglieder einer zutiefst patriarchalen Gesellschaft seelisch so verformt werden, dass sie im „Brüderbund“ Gewalt planen und die Verbreitung von Angst und Schrecken zum Ideal wird? Das untersucht Gehad Mazarweh, Freiburger Analytiker palästinensischer Herkunft. Auch er widmet sich dem „allmächtigen Vater“ in der arabischen Familie, dem der Sohn gehorchen muss, weshalb er seine Wut auf den Unterdrücker abspalten und auf andere lenken lernt.

Immer noch seien Gehorsam und körperliche Züchtigung – anders als der Koran es wünscht – Teil der Erziehung von arabischen Kindern, erklärt Mazarweh: „Jeder Versuch der Emanzipation führt daher zu quälenden Gefühlen von Schuld und Verrat.“ Wer illoyal gegenüber dem Gruppen-Narzissmus wird, muss Rache fürchten: Am meisten in bedrängten Gruppen, etwa bei den Palästinensern. Ein großer Prozentsatz der jugendlichen Palästinenser äußert mittlerweile den pathologischen Berufswunsch, Selbstmordattentäter zu werden.

Die Diagnose lautet also: Der Terrorist ist der Terrorisierte. Er gibt seine Angst weiter, in der Illusion, sich von ihr zu befreien. „Wir sind aufgerufen“, schließt Mazaweh, „diese jungen Leute von ihrem Hass zu befreien, ihnen zu helfen, einen Sinn im Leben zu sehen und ihnen Bildung zu geben“.

Das heißt nicht: falsches Verständnis für kriminelle Taten, die andere, insbesondere Zivilisten, in den Tod reißen. Sozialarbeiterische Sentimentalität gerät in solchem Kontext selbst in den Ruch des Kriminellen. An erster Stelle geht es auch der analytischen Annäherung an den Terror darum, Kriminalität intelligent und robust zu bekämpfen.   

Was es für Kinder in Israel bedeutet, wenn Terror Teil des Alltags wird, weiß die Tel Aviver Therapeutin Abigail Golomb. Denn Bomben und Attentate in der Kindheit prägen die Welterfahrung der Erwachsenen von morgen: Gewalt als „Thriller“, als „das Normale“, das tägliche Nachrichtenfutter. „Kinder müssen lernen, Fantasie von Wirklichkeit zu unterscheiden“, erläuterte Golomb. Doch eben das fällt in der Medienwelt immer schwerer.

Der amerikanische Historiker Omer Bartov zieht einen Vergleich zwischen der Gewalt nichtstaatlicher Akteure der Gegenwart und der staatlichen Gewalt im Nationalsozialismus oder Kommunismus. Totalitäre Regime arbeiten zentralisiert, hoch technisiert und tendenziell traditionsfeindlich. Das Gegenteil repräsentiert etwa Al Qaida: Die Gruppe, der es nicht um Territorialgewinn geht, agiert dezentral, mit schlichten Mitteln und im Namen einer fiktiven Tradition. Doch in einem Punkt treffen sich beide Logiken: Sie ersetzen Diskurs durch starres Denken, belohnen systematische Entmenschlichung der „Anderen“ – und haben Zerstörung zum Ziel.

Bei soviel Analyse des Destruktiven wünscht man sich auch die analytische Frage nach dem Konstruktiven: Wieso scheren Einzelne aus und sind nicht bereit, ethnische noch religiöse Dogmen hinzunehmen? Der Mensch, so lange er einen freien Willen hat, ist eben nicht nur das Produkt seiner Umwelt. Auf bewegende Weise hat Svetlana Broz, Ärztin aus Ex-Jugoslawien, die Aussagen von Leuten dokumentiert, die den Dogmen trotzen. Für ihr Buch „Gute Menschen in üblen Zeiten“ (Good People in an Evil Time. Portraits of Complicity and Resistance in the Bosnian War. Hg. von Laurie Kain Hart, übersetzt von Ellen Elias-Bursac, New York 2004) hat die Enkelin Titos Dutzende interviewt, die „Feinden“ halfen, obwohl die jeweilige Ideologie der Serben, Kroaten oder Bosnier dies strikt sanktionierte. So erzählte ihr der Bosnier Jusuf Halilovic, wie ihm ein Serbe zur ärgsten Zeit des Mordens auf der Straße begegnete. Der Mann sagte: „Juso, bitte vergib meinen Leuten, was sie euch antun.“

Warum ist einer fähig, so zu denken und ein anderer nicht? Wer auch die Rätsel der Empathie lösen will, hat noch eine weite Forschungsstrecke vor sich.    

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