Kultur : Alaaf? Alarm!

Die Pointe kam zwölf Tage zu früh: Ausgerechnet die Staatsoper, deren Belegschaft gerade für sechs Wochen zum Geldverdienen in Japan weilt, präsentiert dem neuen Berliner Kultursenator Thomas Flierl die erste Rechnung, die ihn so richtig ins Schwitzen bringen wird: Mindestens 100 Millionen Euro kostet nach neuestem Expertenurteil die dringend notwendige Renovierung des Opernhauses am Prachtboulevard. Laut Intendant Georg Quander sind sogar 280 Millionen Euro nötig, um das völlig marode Theater fürs 21. Jahrhundert fit zu machen.

Idealer Stoff für eine Rosenmontagsrede: Kenner der hauptstädtischen Kassenlage können sich den fiktiven Dialog zwischen dem in Baufragen beschlagenen Kultursenator und seinem kunstbeflissenen Regierenden Bürgermeister lebhaft vorstellen, während die Kapelle aus dem Off immer wieder "Wer soll das bezahlen?" dazwischentrötet. Das letzte Wort hat natürlich Klaus Wowereit: "Ich habe doch versprochen, dass der Senat keine der drei Opern schließen wird. Dabei bleibe ich auch. Das erledigt jetzt nämlich die Baupolizei für uns."

Alaaf? Alarm! Denn um die Staatsoper steht es wirklich schlimm: Hinter dem goldenen Zierrat, der Touristen so gefällt, lauert überall altberliner Hinterhofcharme. Auf, unter und hinter der Bühne herrscht immer Aschermittwoch. Dass ist seit Jahren bekannt. Die Betriebsgenehmigung für das Haus, die der TÜV nur mit zugekniffenen Augen gegeben hat, kann jederzeit zurückgenommen werden. Doch die rot-rote Koalition kann angesichts der Haushaltslage noch nicht einmal die laufenden Kosten für die Institutionen garantieren. Fastnachtsreif stottert der Koalitionsvertrag: "Für die Dauer der Legislaturperiode bleibt der Kulturplafond in der bisherigen Höhe - abgesenkt um die entfallenden Zuschüsse für das Theater des Westens sowie weitere acht Millionen Euro strukturelle Einsparungen - erhalten." Im Klartext: Es gibt 18 Millionen Euro weniger! Tärä! Tärä! Tärä!

Dabei ist die Staatsoper keineswegs die einzige marode Berliner Kulturinstitution: In der Volksbühne, der Komischen Oper oder dem Carrousel-Theater ist es um die Substanz kaum besser bestellt. Geld ist aber keines da, schon gar nicht für die zweifelhaften Ideen des künftigen Staatsopernchefs Peter Mussbach: Der nämlich träumt vom Musiktheater des 19. Jahrhunderts. Nach dem Brand von 1843 wurde im Staatsopernsaal ein vierter Rang eingebaut. Damit wuchs die Platzzahl von 1350 auf 1600. 250 Tickets mehr pro Abend würde auch Mussbach gerne verkaufen können - schon weil es in der Jahresabrechnung für Politikeraugen besser aussieht. Außerdem glaubt er, durch eine Vergrößerung des Saales ließe sich die ziemlich knallige Akustik des Hauses verbessern. Nicht nur, wenn Daniel Barenboim Wagner dirigiert, würde es dann besser klingen, verspricht er, sondern auch, wenn Monteverdi-Werke auf dem Programm stehen. Zukunftsmusik.

Doch wer weiß, vielleicht entscheidet sich ja Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin angesichts des jüngsten Gutachtens doch noch dazu, den Namen des Hauses wörtlich zu nehmen und das Musiktheater Unter den Linden durch Übernahme in seinen Etat zur echten "Staats-Oper" zu machen. Sonst bleibt dem Intendanten nur die Hoffnung auf Alberto Vilar: Der opernbegeisterte US-Milliardär bekundete jüngst in der "Welt" sein Interesse an der Staatsoper: "Barenboim und Mussbach können mit mir rechnen." Das Interview erschien allerdings am 11. 11. Da bleibt Daniel Barenboim an zwei Fronten noch viel Süßholz zu raspeln. Dem Maestro ist allerdings auch zuzutrauen, dass er notfalls einfach weitermacht wie bisher, falls alle Umbaupläne zerplatzen: Immer, wenn die Baupolizei abends an die Tür klopft, steckt Barenboim dann den Kopf aus dem Orchestergraben und ruft in den Saal: "Wollen mer se reinlasse?!"

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