Kultur : Alain Platel: Zeig mir deine Wunden

Sandra Luzina

Es fehlt nicht viel, und man könnte Alain Platel den Heilpädagogen des internationalen Theaters nennen. Früher arbeitete er mit behinderten Kindern, das prägt auch seine Theaterarbeit. Kinder spielen in seinen Inszenierungen eine wichtige Rolle. Was für Wunden das Leben den Einzelnen schlägt, davon erzählt er in Stücken, die rau und rabiat und scheinbar kunstlos daherkommen. Verwahrlosung und emotionales Elend werden vorgeführt. Doch ungeachtet aller Trostlosigkeit entfalten seine Inszenierungen eine schräge Poesie. Und wir lernen sie zu lieben, diese ramponierten Überlebenskünstler auf der Bühne. Sie überstehen alle Attacken und alle Desaster, nicht unbeschädigt zwar, doch ungebrochen in ihrem Willen zur Selbstbehauptung, ihrer verzweifelten Suche nach Glück.

Nachdem die Schaubühne nun auch die internationale Zusammenarbeit erproben will, hat sie für künftige Projekte das belgische Künstlerkollektiv "Les Ballets C. de la B." zum Wunschpartner gemacht - das C. steht für Contemporain (zeitgenössisch), das B. für Belgique (Belgien). Und Alain Platel ist dessen größter Star. Bevor im Dezember Christine de Smedt in der Tanzperformance "9 x 9" 81 Darsteller des Kollektivs auf der Berliner Bühne versammeln wird, ist deshalb jetzt noch einmal Platels Erfolgsinszenierung "Iets op Bach" ("Kleinigkeiten über Bach") zu sehen. Zu Kantaten von Bach, die live gespielt werden, erzählt er davon, wie Schmerz und Schönheit unzertrennlich miteinander verbunden sind. Mit "Schöner Leiden" lässt sich seine Arbeit sicher nicht umschreiben. "Die gewöhnlichen Menschen sind für mich die wahren Helden", sagt er selbst, und das klingt weder kitschig noch berechnend.

Wo andere nach artistischer Perfektion streben, da zeigt Platel Narben und echte Blessuren. Die Behinderung als Ausdruck wahrer Menschlichkeit? Das Theater als therapeutische Veranstaltung? Platel winkt ab. "Wenn einer der beteiltigten Akteure die Arbeit als Therapie begreift, dann läuft etwas schief." In seinen ersten Arbeiten sei er noch sehr radikal gewesen, da hätten sich die Akteure in sehr "unbequeme" Situationen begeben. Mittlerweile hat er gelernt, seine Darsteller zu schützen - auch vor sich selbst. Das ist auch notwendig, denn immer wieder sucht er die Zusammenarbeit mit nicht-professionellen Akteuren, - auch behinderten Kindern - auf der Bühne. Daraus ergeben sich die ungewöhnlichsten Bühnenfamilien. Die Darsteller zu mehr Präsenz zu ermutigen, ist oft nahe an der Selbstentblößung. Und mutiert doch nie zur Freak-Show. Auf sehr drastische Weise drückt sich der unerschütterliche Glaube an den Menschen aus.

Im nächsten Jahr wird der Belgier für sein Lebenswerk mit dem Europäischen Theaterpreis ausgezeichnet. Doch auf dem Höhepunkt seines Erfolgs steigt er aus. Er wolle keine Kunst produzieren, die zum gefragten Label wird. Der Ruhm sei ihm lästig, und das Theater sei so zynisch geworden. All das verkündet er lächelnd, ohne Grimm. Was er machen wird? Keine Ahnung! Lust auf Anderes? Ja, unbedingt. Im Kunst-Reservat hält es ihn jedenfalls nicht. Er lebt schließlich nicht nur fürs Theater. Und deshalb wird seine Rückkehr jetzt schon - auch von der Schaubühnen-Leitung - ersehnt. Damit das Leben wieder auf die Bühne kommt.

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