Kultur : Alban Berg Quartett: Herzschlagzeuger

Eckart Schwinger

Eine "latente Oper" sah Adorno in Bergs "Lyrischer Suite". Das Alban Berg Quartett geht diesem Hinweis inzwischen mit solch glühender gestischer Intensität und Überredungskunst nach, dass man einer geradezu sichtbaren Musik zu begegnen meint. Die kleinste lyrische Nuance gewinnt eine außerordentliche Anschaulichkeit, und die dramatisch-konflikthaften Ereignisse werden in mal beklemmend subtilen, mal beklemmend explosiven Klanggesten artikuliert. Man meint tatsächlich eine Oper ohne Worte zu hören. Den Quartettmitgliedern ist der Espressivo-Stil ihres Namenspatrons, dessen Sensitivität, dessen sinnenfreudiger Farbstil tatsächlich zur zweiten Natur geworden. Im Rahmen der Jubiläumstournee anlässlich ihres 30-jährigen Bestehens ziehen sie in der Philharmonie zum Schluss des Konzerts mit der geheimnisvollen "Lyrischen Suite" auf besondere Weise in Bann und ernten begeisterte Zustimmung.

Dabei ist die auf die Spitze getriebene Subtilität und Stille nur die eine Seite ihrer gedanklich dicht verzahnten Berg-Interpretation. Die enorme Elementarkraft, die sie vor Jahren bei Bergs Streichquartett op. 3 an den Tag legten, wird auch an diesem Abend spürbar, als die vier in Wien und Köln lehrenden Professoren erneut wie Teufelskerle im Trio estatico und im Presto delirando loslegen und Feuerströme entfachten. Nein, einen abgeklärten, betont altersweisen Musizierstil leisten sich die österreichischen Jubilare noch immer nicht. Denn der Primarius Günter Pichler tendiert ebenso wie seine Kollegen Gerhard Schulz, Thomas Kakuska und Valentin Erben zu aggressiver Schärfe, zu risikofreudigen Attacken oder zu dynamischen Grenzwerten, die für die Intonation bisweilen gefährlich werden können. Auch die analytische Aufhellung tritt dann mal in den Hintergrund.

Ihrer Freude an wienerischer Klangsinnlichkeit, an einem hauchzarten Cantabile lassen sie im technisch wundervoll ausbalancierten Largo des Haydn-Quartetts op. 74/3 freien Lauf. Bei Lutoslawskis Streichquartett mit der begrenzten Zufallswirkung, bei dem jedem der Vier ein besonderes Mitspracherecht eingeräumt wird, treten sie dann mit ungebremster, individueller spielerischer Lust souverän hervor. Man hält den Atem an, wenn im Schlusssatz der Herzschlag aussetzt.

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