Kultur : Albträume

Thea Herold

Die Ausstellung von John Bock in der Galerie Klosterfelde begrüßt ihre Besucher mit einem Warnhinweis (Zimmerstraße 90 / 91, bis 29. Juli) . Der steht auf Pappe, in dünner Linie von Hand geschrieben und lehnt schüchtern an der Wand. Das Schild warnt Kinder. So eingestimmt, öffnet man die Tür zu einem Schrankwand-Spießer-Idyll. Der 1965 geborene Aktionskünstler hatte sich damit den Schauplatz für seine blutig-bizarre Folterorgie „Lütte mit Rucola“ ausstaffiert. Das Video selbst läuft in Großformat nebenan. Zum genauen Inhalt ist nicht viel zu sagen: Mann quält Mann. Lange und lustvoll. Ganz egal, welche deterministischen Überbau-Konstruktionen einem noch dazu erzählt werden. Es bleibt Splatter-Horror-Trash mit Ekel-Effekt. Augenausreißen. Handabhacken. Zungeabschneiden. Kunstblut fließt in Strömen.

Respekt vor allen zwölf Mitstreitern, die im Abspann stehen. Wenn der Chef verbal verquirlten Weltverbesserer-Stuss zum Horrorspiel liefert, bleibt das seine Sprache und seine Sache. Musik, Sound und Schnitt retten’s nicht. Man möchte gerechterweise sagen, dass auch der umsatzbeschleunigende Umzug von Performance-Artikeln in Galerieräume schon immer eine sehr streitbare Sache war. Denn nur selten wird aus den Resten einer Aktion eigenständige Kunst. Doch einen Moment von nahezu spiritueller Wahrheit hat das unscheinbare Schild mit dem Warnhinweis eingefangen. Bitte sorgsam aufheben (Preise auf Anfrage).

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Ganz andere Horrorwarnungen verbergen sich in den „ästhetischen Lektionen“ von Dennis Rudolph (geboren 1979), die dieser zurzeit in der Galerie Jette Rudolph erteilt (Zimmerstraße 90/91, bis 24. Juni) . Da sind sie, die Gewissensprüfer und Symbolträger unserer alten Welt: der Messias, die Maria im Strahlenkranz, das Auge Gottes. Und überall – beim Marsch der verlorenen Seelen, vor dem brennenden Tempel oder angesichts der Sintflut – formieren sich auf seinen Blättern Reihen von Namenlosen, die ihr Heil suchen, aber nicht finden. Nicht in den Bergen. Nicht auf den brennenden Erntefeldern. Nicht bei den Göttern. Für die ironischen Zwischentöne muss man genau hinsehen, damit man den Sarkasmus bei der Rudolph’schen Anlehnung an die Formsprache der völkischen Un-Götter in deutscher Geschichte als die Provokation erkennt, die sie ist. Mithin – es geht um die ewigen Fragen des Abendlandes: Glaube, Liebe, Hoffnung, Hass. Mit Stichen und Zeichnungen, auf Papier und Leinwand ringt er um eine eigene Antwort (900 bis 6500 Euro). Gelernt hat er in St. Petersburg, in Peking und vor allem bei seinem Lehrer Wolfgang Petrick in Berlin. Unwillkürlich stellt man sich Rudolph vor, wie er mit Kohle ein riesig gequältes, blindes Monster auf die Wand strichelt. Auch das ist eine Art von Performance. Auch sein Albtraum hat geblendete Augen. Auch er ein stummes, schreiendes Maul. Blutkunst – kein Kunstblut.

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