Album-Kritik : Die Füchsin singt, das Weltall schwingt

App-Pop, maßgefertigte Instrumente und eine riesige Pumuckel-Perrücke: Mit dem aufwändigen Multimedia-Projekt "Biophilia" bleibt Björk ihrem avantgardistischen Anspruch treu.

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Ewige Avantgardistin. Björk, die Supernova.
Ewige Avantgardistin. Björk, die Supernova.Foto: Inez van Lamsweerde, Vinoodh Matadin / Universal

Die Schöpfungsgeschichte ist auch nur eine Geschichte. Man kann sie so oder so erzählen. Je nach Epoche und Kulturkreis variieren die Kriterien: Mal sind Spannung und Fantasie, mal Struktur und Plausibilität gefragt. Da ist etwa der indianische Mythos von der Füchsin, die mit ihrem Freund, dem Kojoten, so lange sang, bis ihr Lied sich in die Welt verwandelte. Oder die tolle Story vom Gott, der aus einem kalten, schwarzen Ei schlüpft und dann aus den Schalenstücken die Welt erschafft. Klingt auch nicht verrückter als die biblische Sieben-Tage-Saga – zumindest wenn Björk davon singt.

„Cosmogony“ heißt der Song, in dem sie diverse Schöpfungsmythen aufgreift und zugleich ihren eigenen kreiert. Das von Hörnern, einem Frauenchor und sanften Bass-Beats getragene Stück ist so etwas wie der Mutter-Planet von Björks Multimedia-Projekt „Biophilia“, das sie rund um ihr achtes Studioalbum erschaffen hat. Dessen Titel bedeutet so viel wie „Liebe zur Natur“, womit auch die Verbindung von Natur, Musik und Technologie gemeint ist. Das erklärt die Stimme des britischen Tierfilmers David Attenborough im Intro der iPhone- bzw. iPad-App, die vor dem Album veröffentlicht wurde. Sie simuliert ein Sonnensystem aus zarten weißen Linien, Schraffuren und Punkten auf schwarzem Grund. Dazu ist leises Gewimmer zu hören. Die zehn „Biophilia-Songs“ sind als Planeten in diesem Universum verzeichnet, durch das man fingerwischend navigieren kann.

Nähert man sich einem Planeten, wehen einige Töne aus dem entsprechenden Lied heran. Vier Punkte flackern farbig. Das sind die Songs-Apps, die bereits gekauft werden können, die restlichen folgen in den nächsten Wochen, so dass es „Biophilia“ neben der am Freitag erscheinenden CD-Version auch als App-Suite geben wird. Es ist das erste Projekt dieser Art, und man kann den Pioniergeist beim Hören und Herumspielen quasi auf der Fingerspitze spüren. So sind einige App-Ideen wie das Kristall-Sammelspiel zum Song „Crystalline“ oder der Wirbelsäulen-Sequenzer zu „Moon“ eher im Bereich der netten Spielerei anzusiedeln. Doch findet sich auch viel Bereicherndes in den 1,59 Euro teuren Anwendungen: erklärende Texte einer Musikwissenschaftlerin oder Partituren, unter denen die Lyrics mitlaufen.

Außerdem gibt es Animationen von Björks alternativer Notenschrift, die aus einer Abfolge von verschiedenen großen Kreisen besteht. Zu Beginn von „Moon“ sieht man, wie die Harfen-Töne vom linken oberen Bildschirmrand heruntertröpfeln. Die Punkte der zum Teil parallel geführten tieferen Akustikgitarrenstimme leuchten im unteren Screen-Teil auf. Und Björks Gesang bewegt sich als Linie zwischen den beiden. Das ist sehr anschaulich und intuitiv, wenn auch essenzielle Informationen, wie die Tonart, nicht abgebildet werden können.

Björk sieht das klassische Notationssystem als Kreativitätsbremse. Schon als Zehnjährige rebellierte sie in der Musikschule gegen „diese deutsche Musikwissenschaft und klassische Musik“, wie sie kürzlich in einem Interview mit dem Online-Magazin „Pitchfork“ erzählte. Sie fand, das habe alles nichts mit ihr, diesem kleinen isländischen Mädchen, zu tun, das sich auf dem Nachhauseweg Melodien ausdachte.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, welchen Zielen sich Björk mit dem "Biophelia"-Projekt treu bleibt.

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