Album-Kritik : Die Waldgeister von Wisconsin

Hymnen auf das Hinterland: Der Folk-Eremit Justin Vernon hat mir seiner Band Bon Iver ein beglückendes zweites Album aufgenommen und wagt sich dabei in neue Klangwelten vor.

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Nächste Station – Disko? Justin Vernon erforscht mit Bon Iver neue Klangwelten. Foto: D. L. Anderson
Nächste Station – Disko? Justin Vernon erforscht mit Bon Iver neue Klangwelten. Foto: D. L. Anderson

Unter den 50 Bundesstaaten der USA gehört Wisconsin nicht zu denen, die nachhaltige Spuren in der Popmusik hinterlassen haben. Bei der Suche nach prominenten Bürgern stößt man schneller auf berüchtigte Serienmörder als auf die wenigen Popstars wie den Exzentriker Liberace oder Butch Vig, den Chef der Alternative-Rocker Garbage. Doch einen Sohn Wisconsins wird man bald in die Geschichtsbücher aufnehmen müssen: Justin Vernon, der nun als Mastermind der gefeierten Folkband Bon Iver sein hervorragendes zweites Album veröffentlicht.

2008 erscheint der heute 30-Jährige mit „For Emma, forever ago“ auf der Bildfläche. Nicht nur die betörende Melancholie seiner Lieder schlägt eine verblüffend große Hörerschaft in den Bann, sondern auch deren Entstehungsgeschichte. Die spiegelt uramerikanische Wild-Frontier- Mythen: Da zieht sich ein Musiker in die verschneiten Wälder Wisconsins zurück, wo er sich in einer Holzhütte vom Pfeifferschen Drüsenfieber erholt. Die Wintereinsamkeit fördert Songs zu Tage, deren Schönheit spannende Kontraste zu Vernons archaischer Lebensweise bildet – mit wohligem Schauder werden Anekdoten über selbst erlegtes Wild erzählt.

Vernon wird vom Erfolg dieser vage um verlorene Liebesbeziehungen kreisenden Stücke überrascht. Doch der Mann aus den Wäldern ist zu fest in sein Indierock-Beziehungsgeflecht eingebunden, um die Bodenhaftung zu verlieren. Anstatt in eines der kulturellen Zentren der USA zu ziehen, schrummelt er lieber weiterhin mit seinen Kumpels in unkommerziellen Bands wie Volcano Choir oder Gayngs. Was ihn indes nicht davon abhält, der Einladung von HipHop-Superstar Kanye West zu folgen und auf Hawaii an zwei Stücken von dessen letzten Album-Meisterwerk mitzuarbeiten.

Die Aufnahmen zu „Bon Iver“ (4AD/Beggars) entstehen in der Nähe von Vernons Heimatstadt Eau Claire, in einer ehemaligen Tierklinik – wieder so ein Ort, der die Legendenbildung anregt. Dies umso mehr, als die zehn neuen Stücke so verrätselt sind wie die des Debüts. Fast alle Songs tragen Namen von Orten, doch meist ist dies eher ein metaphorischer Bezug. An den Texten dürften sich Exegeten die Zähne ausbeißen. Vernon betont in Interviews, dass er Monate an den Versen gefeilt habe. Das führt zu einer an Haikus erinnernden Verdichtung.

Doch es sind nicht die Texte, die „Bon Iver“ zu einer der Platten des Jahres machen. Sondern, wie ihr Verfasser sie interpretiert, kurz: wie er singt. Schon im Opener „Perth“ hört man Vernons unverwechselbare Kopfstimme, vielmehr mehrere übereinander gelegte Gesangsspuren, die sich zu einem elegischen Engelschor verflechten. Natürlich denkt man an die Großmeister des Satzgesangs, die Fleet Foxes. Doch wo die Gralshüter der Folkrock-Tradition auf ihrem neuen Album die Dramaturgie vernachlässigen, bleibt Vernon ein hellwacher Songwriter, der jedem Stück klare Konturen verleiht. Mutig erkundet er stilistisches Neuland. Das die Klangästhetik prägende Instrument ist nicht mehr die Gitarre, sondern der Synthesizer. Genauer gesagt ein Korg M1, jener „Volks-Synthesizer“ der späten Achtziger, der den Sound zahlloser Platten von House bis Metal prägte.

Justin Vernon ist klug genug, seine Fans nicht zu offen zu brüskieren: Oft sind die Synthieflächen oder fanfarenartigen Akkorde eingebettet in einen Klangteppich, der die Grenzbereiche zwischen Folk, Ambient, Country, Achtziger-Pop und Kammerjazz auslotet. Daran mitgewoben haben Könner wie der Pedal-Steel-Gitarrist Greg Leisz oder der Bass-Saxofonist Colin Stetson. Vernon hält lange diese prekäre Balance, wobei ihm zugutekommt, dass Stücke wie „Minnesota, WI“, „Hinnom, TX“ oder die mitreißende Folkhymne „Towers“ den hypnotischen Sog des Debüts wiederholen.

In den letzten beiden Songs aber zieht er einem den Boden unter den Füßen weg. „Lisbon, OH“ ist ein an Brian Enos Ambient-Pop erinnerndes Instrumental, das in das rätselhafte „Beth/Rest“ überleitet. Pathetische Synthiedrums bollern, ein E-Piano lässt überreife Notencluster platschen, darüber umgarnen sich Saxofon und Jaulgitarre, während Vernon seinen Gesang durch den Autotune-Filter jagt.

Man kann alles Mögliche heraushören: Vorformen der Powerballade, wie man sie von Mike Oldfield und Mark Knopfler kennt, oder den „Purple Rain“-Bombast von Prince. Man kann sich in Ironie flüchten und seine Begeisterung als Erinnerung an die Geschmacksverirrungen der Jugend abtun. Oder man streckt einfach die Waffen vor der schieren Schönheit dieser Musik. Und verneigt sich vor dem Wagemut eines Künstlers, der von seiner dreijährigen Lehr- und Wanderzeit als Meister zurückgekehrt ist.

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