Album und Konzert : Die Weltraumforscherin

Die amerikanische Multi-Instrumentalistin Meshell Ndegeocello dehnt ihr Funk-Soul-Rock-Rap-Universum auf ihrem neunten Album „Weather“ noch ein Stückchen weiter aus. Es ist ihr erstes Werk mit einer Singer-Songwriter-Anmutung.

von
Am Anfang war der Bass. Multi-Instrumentalistin Meshell Ndegeocello. Foto: C. Gross/Promo
Am Anfang war der Bass. Multi-Instrumentalistin Meshell Ndegeocello. Foto: C. Gross/Promo

Ein stolperndes Schlagzeug, schnarrende Gitarrensaiten und ein windschiefes kleines Slidemotiv. Mit einem Rumpelblues eröffnet Meshell Ndegeocello ihre neunte Platte „Weather“ und dehnt damit ihr ohnehin schon riesiges Soul-Funk-Jazz-HipHop-Rock-Dub-Universum noch ein Stückchen weiter aus. Nach der ersten Überraschung wirkt das alles sehr organisch und betörend. Diesen Effekt zaubert die Amerikanerin seit rund 18 Jahren immer wieder auf ihre Platten. Er ist das Resultat unbändiger Neugierde, künstlerischer Freiheit und immensen Talents.

Ihre jüngste Klangexpedition startete die Frau, deren Künstlername auf Suaheli „Frei wie ein Vogel“ bedeutet, an der Seite von Produzent Joe Henry (Ani DiFranco, Aimee Mann). Er ließ die 43-Jährige zusammen mit ihren Musikern fast alles live einspielen, meist reichten ihm schon zwei oder drei Takes. So entstand Meshell Ndegeocellos erstes Album mit einer Singer-Songwriter-Anmutung, das überdies eines ihrer zugänglichsten ist. Damit entfernt sie sich weiter denn je von ihrem Debütalbum „Plantation Lullabies“ (1993), auf dem ihr mit „If That’s Your Boyfriend (HeWasn’t Last Night)“ gleich ein kleiner Hit gelungen war. Ohne Respekt für Genregrenzen mischte sie damals HipHop, Siebziger-beeinflussten Funk, zeitgenössischen Soul und jazzige Elemente.

Der Bass als Schlüssel zur Welt

Mit „Peace Beyond Passion“ und „Bitter“ folgten zwei der schönsten, intimsten R’n’B-Alben der neunziger Jahre. Sie klangen ein bisschen so, als hätte sich Sade mit Prince in einem zwielichtigen Jazzclub getroffen, um Songs über Spiritualität, Begehren und Verlassenwerden zu schreiben. Trotz guter Kritiken blieb der große Chartserfolg aus und bald wurden Sängerinnen wie Erykah Badu und Jill Scott zu den neuen Soul-Diven ausgerufen. Für Meshell Ndegeocello, die offen zu ihrer Bisexualität steht und in ihren Texten auch mal politische Themen aufgreift, war das nicht weiter tragisch. Denn Maverick Records gab ihr eine sichere Heimat. Das Label von Madonna hatte sie als eine seiner ersten Musikerinnen unter Vertrag genommen, brachte ihre ersten fünf Alben heraus und ließ ihr großen kreativen Spielraum.

Meshell Ndegeocello kommt 1968 als Michelle Johnson in Berlin zur Welt. Ihre Mutter ist Gesundheitsberaterin, ihr Vater Leutnant der US Army und Saxofonist. Anfang der Siebziger zieht die Familie in die Staaten, landet schließlich in Washington D.C. Als der Band ihres Bruders der Bassist wegläuft, greift sich Meshell das Instrument mit den vier dicken Saiten und hat ihren Schlüssel zur Welt gefunden. Mit Bass und Baby kommt sie 19-jährig nach New York, spielt mal hier und mal dort, stellt sich schließlich solo auf die Bühne. Einsam bleibt sie nicht lange. Die Liste ihrer Gastauftritte reicht mittlerweile von Chaka Khan über Alanis Morissette bis zu den Rolling Stones und Madonna. Sie selbst lädt sich auch gerne Kollegen ein. Auf ihrem Jazz-Album „The Spirit Music Jamia: Dance of the Infidel“ (2005) spielt sie etwa mit Oliver Lake, Don Byron und Kenny Garrett. An dem ebenfalls sehr ambitionierten „The World Has Made Me the Man of My Dreams“ wirkt zwei Jahre später unter anderem Stargitarrist Pat Metheny mit.

Früher sang sie von Rassismus, heute von Liebe

Diese avantgardistische Phase scheint inzwischen vorüber zu sein. Seit dem letzten Album setzt Ndegeocello verstärkt auf feste Begleiter. Zudem liegt nun eine gewisse Ausgeglichenheit über ihrer Musik. Sie ist aufs Land gezogen und sagt: „Lange Zeit habe ich gegen alle Krieg geführt. Ich habe hart gekämpft, aber das ist jetzt vorbei. Ich habe meine Meinung, aber sie ist nicht länger der Grund für Konflikte mit dem Rest der Welt.“ Ging es in ihren Texten früher auch um Rassismus, Homophobie, konzentriert sie sich heute vor allem auf die Liebe. Dabei gelingt es ihr selbst Allerweltszeilen wie „You broke my heart“ oder „I wish you would stay“ - mal dunkel hauchend, mal in hohe Gefilde abhebend - mit einer derartigen Leidenschaft zu singen, dass sie absolut glaubwürdig klingen.

Meshell Ndegeocello hat „Weather“ großteils auf der Gitarre geschrieben, was der Platte anzumerken ist. Ihren Bass, den sie so variantenreich zu spielen vermag, lässt sie nur auf zwei der 13 Stücke hören. So tigert er etwa in „Rapid Fire“ wie eine hungrige Raubkatze umher. Ansonsten darf Chris Bruce die Bassparts spielen – sogar das markant galoppierende Intro der Vorab-Single „Dirty World“.

Eine Stärke von Ndegeocello sind seit jeher Cover. Auch diesmal hat sie zwei tolle Interpretationen fremder Stücke im Programm. Leonard Cohens „Chelsea Hotel“ bremst sie begleitet von Klavier, Schlagezug und E-Gitarre extrem herunter, was zu einer noch melancholischeren Atmosphäre als im Original führt. An den Schluss setzt sie eine reduzierte Version des Soul Children-Songs „Don’t Take My Kindness For Weakness“. Es ist ein stilles, berührendes Werk – wie das gesamte Album.

„Weather“ ist bei Naïve erschienen. Konzert: 20.11., 20 Uhr, C-Club Berlin

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben