Album von Keith Jarrett : Engelsschwingen

Vor dem Sturz ins Verstummen: "A Multitude of Angels" ist der Mitschnitt von den vier letzten dieser unglaublichen Solokonzerte, die den Pianisten Keith Jarrett berühmt gemacht haben.

Tobias Lehmkuhl
Keith Jarrett
Der Flügle als Erweiterung des Körpers. Keith Jarrett Mitte der 90er Jahre.Foto: Patrick Hinley / ECM

Das Unsagbare lasse den Menschen verstummen, schreibt der französische Philosoph Vladimir Jankélévitch. Über das Unaussprechliche aber könne man bis ans Ende der Zeiten reden und singen. Das habe die Musik mit der Liebe gemein: Sie sei nicht dafür geschaffen, dass man über sie spricht, sondern dass man sie ausführt. Eine Aussage, die Keith Jarrett sicher unterschreiben würde, feiert doch kaum jemand wie er den Schöpfungsmoment in der Musik.

So hieß seine jüngste Live-Aufnahme denn auch „Creation“. Die nun erschienenen Aufnahmen heben den transzendentalen Aspekt noch einmal hervor. „A Multitude of Angels“ heißt der Mitschnitt von vier Solo-Konzerten, die Jarrett 1996 innerhalb einer Woche in Italien gegeben hat. Im Begleittext kommt der inzwischen 71-jährige Pianist zudem auf islamischen Sufismus und christliche Mystik als wichtige Bezugspunkte für sein Spiel zu sprechen.

Man meint, nie etwas Schöneres gehört zu haben

Für all jene, die den Kirchgang und das Koranstudium scheuen, bietet „A Multitude of Angels“ immerhin die Möglichkeit, wenigstens kunstreligiös zu werden. Wer meint, Jarrett reproduziere seit dem „Köln Konzert“ nur sich selbst, der liegt einerseits ganz richtig, andererseits aber, und das ist entscheidend, völlig daneben. Natürlich kennt man Jarretts Repertoire längst, weiß, wie die rechte Hand langsam beginnt, nach einer sanglichen Melodie zu suchen, während die Linke sanfte Akkordbrechungen ausstreut, wie irgendwann der Fuß auf dem Bühnenboden einen Puls vorgibt und die Dreiklänge rhythmisch angeschnitten werden, zu hüpfen beginnen, wie sich daraus wiederum eine drängende Ostinatofigur ergibt, umspielt von orientalisierenden Verzierungen in den hohen Registern, wie das Drängen zur Eruption hin sich steigert, bis zarte Terzen anklingen und alles in einer Art Choral aufgefangen wird. So war es beim „Köln Konzert“, und so hört man es auch gleich auf der ersten der vier CDs dieses Sets. Und doch meint man, nie etwas Schöneres gehört zu haben, denn entscheidend ist nicht das Was, sondern das Wie, ist die Spannung, unter der die Musik hier steht, ein hauchzarter Faden, der diese Spannung unmöglich 34 Minuten und 19 Sekunden lang halten kann – und es doch tut.

Das letzte der vier Konzerte schließt in dieser Hinsicht direkt an das erste an: Noch reiner, noch entschlackter in der Form. Minutenlang streichen die Finger der rechten Hand alleine über die Tastatur, am Ende steht dann nur noch der Puls der linken Hand, der eine, immer wiederholte, schließlich ganz verebbende Ton.

Die Konzerte haben etwas Vermächtnishaftes an sich

Es war das vorerst letzte Konzert, das Jarrett geben sollte. Schon von Krankheit gezeichnet, wurde kurz darauf ein Erschöpfungssyndrom bei ihm diagnostiziert. Er hätte, sagt er, kaum essen können und die Konzerte beinahe absagen müssen. So haben sie fast etwas Vermächtnishaftes an sich. Auf jeden Fall sind sie der Abschied von jener Art Solokonzert, mit der Jarrett berühmt geworden ist, jener sich 30, 40 Minuten ganz dem Fluss der Musik überlassenden Unbedingtheit.

Seither sind seine Konzerte kleinteiliger aufgebaut, die einzelnen Improvisationen dauern nie länger als zehn Minuten. Das hat seine eigene Qualität. Aber wie er in „A Multitude of Angels“ noch einmal das Unaussprechliche zum Klingen bringt, lässt an Vladimir Jankélévitch denken: „Aus dem Schweigen zum Schweigen durch das Schweigen.“

Keith Jarrett: A Multitude of Angels (ECM Records)

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