Albumkritik : Das Herz ist ein Schlagzeug

Rock als Fastenkur - aus den Songs muss alles Fett heraus. Zurück zum Blues: The Kills und ihr viertes Album "Blood Pressures".

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Ironisch, zutiefst britisch. Jamie Hince und Alison Mosshart alias The Kills.
Ironisch, zutiefst britisch. Jamie Hince und Alison Mosshart alias The Kills.Foto: Domino

Der Rock’n Roll ist krank, immer wieder mal. „Fettleibigkeit“ lautet die Diagnose, „Bewegungsmangel“ oder „Blutarmut“. Als Kur wird empfohlen: Heilfasten. So traten um die Jahrtausendwende ein paar Bands an, die elektrisch erzeugte Lärmmusik wiederzubeleben, indem sie zu ihren Wurzeln zurückkehrten, zum Blues. Simpel, laut und schnörkellos klang ihr Garagenblues, und das Sparprogramm begann schon damit, dass die White Stripes und die Black Keys jeweils bloß zwei Mitglieder hatten.

Auch The Kills, die 2003 ihr Debütalbum „Keep on Your Mean Side“ veröffentlichten, sind ein Duo. Der Unterschied: Sie leben anders als die Black Keys und die White Stripes, mit denen sie oft verglichen werden, nicht in Amerika, sondern in London. Auch sie versuchen, bei ihren Songs das Fett wegzuschneiden, ihr scheppernder und schleppender NeoBlues besteht sozusagen nur noch aus Haut und Knochen. Er wirkt allerdings auch artifizieller, ziemlich verspielt und clever ausgeklügelt. Zum Design gehört, dass Songtitel wie „Fuck the People“ oder „Love Is a Deserter“ ein Odeur von Wildheit und Verzweiflung verströmen. The Kills hantieren mit Zitaten, anders als Jack White, der schon mal eine E-Gitarre aus einem Holzbrett, einer Colaflasche und ein paar Saiten baut, glauben sie an keine Ursprungsmythen.

Das ist eine ironische, zutiefst britische Haltung. Dabei sind die Kills nur zur Hälfte britisch. Sängerin, Gitarristin und Bassistin Alison Mosshart stammt aus Miro Beach, einem Kaff in Florida, einem „deprimierenden Ort“, wie sie sagt: „Da passiert gar nichts. Keine Musik, keine Veranstaltung, dafür tausende Rentner, die Cadillac fahren.“ Und die südenglische Kleinstadt Newbury, in der Gitarrist Jamie Hince aufwuchs, liegt definitiv sehr weit weg vom Mississippi-Delta. „Ich bin ein ganz normaler, bürgerlicher, weißer Mann aus England“, hat er dem Internetportal laut.de erzählt. „Ich habe keinen Blues in mir.“

Ihre Melodien fräsen die Kills gerne, wie einst Velvet Underground, aus fies fiependem Feedbackgetöse heraus. Bei „Nail in My Coffin“, einem der besten Stücke auf ihrem gerade erschienenen vierten Studioalbum „Blood Pressures“, schnarrt, faucht, schnattert die E-Gitarre wie ein angeschossenes Tier, das präzise Poltern des Drum-Computers wechselt mit Ping-Pong-Geräuschen, und Alison Mosshart beklagt die Wechselhaftigkeit der Liebe: „What you are to me is far too unclear / Could be a nail in my coffin.“ Der Geliebte, von dem sie nichts weiß, könnte ihr Sargnagel sein. „Wild Charms“ verbindet Beatles-Pianoakkorde mit dem traumverlorenen Gesang von Jamie Hince. Die Singleauskopplung „Satellite“ ist eine rostig klingende, mit viel Hall unterlegte Litanei über einen Raumflugkörper, der seinen Geist aufgegeben hat. Bei den Kills regiert der Rhythmus, ein Song heißt programmatisch: „Heart is a Beating Drum“.

Mosshart, heute 32, und Hince, 42, lernten sich um die Jahrtausendwende in einem Hotel kennen. Da hatten beide schon eine Vergangenheit in diversen Punk- und Indierockbands hinter sich, sie nannten sich VV (Mosshart) und Hotel (Hince), begannen Songs zu schreiben, und schickten, da der Atlantik sie trennte, einander die Rohversionen per Post zu. The Kills geben sich kapitalismuskritisch, ihr bislang größter Erfolg war ein 23. Platz in den britischen Singlecharts. Hince stieg zur Boulevardpressen-Berühmtheit auf, seit er mit dem Supermodel Kate Moss liiert ist. Ruhm, der ihn nervt.

Hince und Mosshart sind Stoiker, an ihrem Sound halten sie eisern fest. Nur vorsichtig hatten sie auf dem letzten, 2008 herausgekommenen Album „Midnight Boom“ mit elektronischen Klängen experimentiert. Jetzt lassen sie beim Song „DNA“ Trommelstöcke klackern, „Baby Says“ reizt alle Möglichkeiten des Tremolo-Effekts an der E-Gitarre aus, und die Ballade „The Last Goodbye“ überrascht mit Streichern. Keine Frage, der Rock’n Roll lebt.

„Blood Pressures“ von The Kills ist bei Domino Records erschienen. Die Band spielt am 8. April im Berliner Huxley’s.

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