Albumkritik : Flammende Scherze

Bissig bleiben: das Comeback der Postpunk-Pioniere Gang of Four

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Radikal ironisch. Sänger Jon King und Gitarrist Andy Gill (vorne) haben die Gang of Four wiederbelebt. Foto: Grönland
Radikal ironisch. Sänger Jon King und Gitarrist Andy Gill (vorne) haben die Gang of Four wiederbelebt. Foto: Grönland

Bass und Schlagzeug marschieren im Viervierteltakt, der Gesang torkelt. „Who Am I?“ heißt der Song, es ist ein Panorama des menschlichen Misslingens und die Selbstdarstellung eines offenbar Übergeschnappten. „The Pilgrim can’t sleep cause his prayers won’t fly / The dumb won’t speak – the truth is lies!“, bellen zwei Stimmen im Wechselgesang zu metallisch stotternden Gitarren. Gebete versagen, die Wahrheit besteht aus Lügen. Dabei wäre Grundsätzliches zu klären, der Refrain wirft bohrende Fragen auf: „Who can steal when everything is free? / Who am I when everything is me?“ Lohnt der Diebstahl noch, wenn alles umsonst ist? Und wer bin ich, wenn mein Ich doch schon in allem drinsteckt? Das Stück, ein so brachial wie böser Northern-Soul-Stomper, endet mit dem fiependen Ausstöpseln einer E-Gitarre.

Who am I? Die Frage lässt sich leicht beantworten. Die Herren, die da singen, sind Jon King und Andy Gill, Sänger und Gitarrist der Gang of Four, ehemalige Postpunk-Pioniere und legendäre Polit-Menetekler. In den späten siebziger Jahren hatte die Band aus Leeds minimalistisch krachende Gitarrenriffs mit Funkrhythmen unterlegt und dazu Parolen wie „To Hell With Poverty“ oder „We Live As We Dream, Alone“ skandiert. Das war gleichzeitig linksradikal und superironisch. Heute sind King und Gill zwei Mittfünfziger, denen das Leben Falten und Kerben in die schlanken Gesichter geschnitten hat. Ihr neues Album ist die erste Gang- of-Four-Platte seit 16 Jahren. Der Titel „Content“ signalisiert eine vermeintliche Anpassung an den Zeitgeist. Content, das ist die Schrumpfform von Bedeutung, Inhalte, bei denen es nichts mehr ausmacht, ob sie auf CDs, Zeitungs- oder Internetseiten dargereicht werden.

Aber Affirmation gehörte schon immer zu den subversiven Strategien der Viererbande. Einst verhöhnten King, Gill und ihre Mitstreiter mit „Naturals Not In It“ das Bestreben, in einer zunehmend künstlichen Welt, etwas „Authentisches“ erschaffen zu wollen. Die Schöpfung ist ein einziger Witz, legen sie nun auf „Content“ nach. „What is the proof of life?“, fragen sie zu einem entspannt grummelnden Bass und süßlichem Backgroundsäuseln. Die Antwort ist gleichzeitig der Songtitel: „A Fruitfly In The Beehive“. Der Mensch als Fruchtfliege in einem Bienenkorb, ein Fehlposten im unermüdlichen Gesumme der Gegenwart.

„Content“ ist eine ungemein drahtige und treibende Platte, meilenweit entfernt vom aufgeschwemmten Klangbild manchen Altrockerwerkes. King und Gill haben sich ihre Nervosität bewahrt, auch wenn der Funk- und Dub-Gehalt ihrer Songs jetzt zurücktritt gegenüber dem Heulen und Hallen der Gitarren.

Das Anti-Liebeslied „I Can’t Forget Your Lonely Face“ beginnt mit einem stotternden New-Wave-Gitarrenintro, die Semi-Ballade „It Was Never Gonna Turn Out Too Good“ lässt das sphärische Sirren des Leitinstruments auf retrofuturistische Vocoder-Gesänge treffen. „The world will end in fire or it will end in ice“, prophezeit die Roboterstimme. Ein Untergang in Flammen oder Frost. Die Musik ist mitunter bis aufs Skelett reduziert, die Texte sind gespickt mit Zitaten. So knüpft die Zeile „Send me a photo of you on holiday“ an den Gang-of-Four-Hit „A Home He’s A Tourist“ an.

Damit erreichte die Gruppe 1979 die Top 40 der britischen Single-Charts, bis heute der größte kommerzielle Erfolg ihrer Karriere. „Schnelle R&B Band sucht Bassisten“, mit dieser Zeitungsanzeige hatte zwei Jahre zuvor alles angefangen. Andy Gill, Jon King und Schlagzeuger Hugo Burnham waren Studenten, die sich für Adorno und Godard interessierten, ihr musikalischer Hausgott war der Funk-Großmeister George Clinton. In Leeds wurden damals Punk-Kneipen von rechtsradikalen Anhängern der National Front überfallen, es waren politisch aufgeheizte Zeiten. Die Songs der Gang of Four sollten Manifeste sein, ihr neomarxistischer Funk hatte eine klare Botschaft: die Dekonstruktion aller Weltbilder. Der amerikanische Pop-Papst Greil Marcus war nach einem Konzert entzückt von „der Konfusion und dem herrlichen Horror“, den die Band angerichtet hatte.

Nach vier Alben trennten sich Gang of Four 1984, in den neunziger Jahren kam es zu einer kurzfristigen Reunion. Der Ruhm wuchs, die Red Hot Chili Peppers zählen genauso zu ihren Bewunderern wie die Goldenen Zitronen. Neue britische Bands von Franz Ferdinand bis Maximo Park mühten sich, die zündenden Dancefloor-Riffs nachzubasteln. „Als wir 2005 in Europa und den USA spielten, war unser Publikum zum größten Teil unter 25“, freute sich Andy Gill im letzten Herbst in einem Tagesspiegel-Interview. Der Gitarrist hatte sich als Produzent und Komponist von Filmmusik über Wasser gehalten. Die sperrigen Avantgardismen haben Gang of Four hinter sich gelassen, sie sind angekommen in der Indie-Disco. „I Party All The Time“ heißt eine bollernde Hymne auf der neuen Platte. Es geht um die Gefangenschaft im Rausch.

„Content“ von Gang of Four erscheint am Freitag, 28. 1., bei Grönland/RT

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