Alexa : Schau mer Mall

Passagenkultur als Lebensstil, das war einmal. Diese Woche eröffnet das Berliner Einkaufszentrum Alexa.

Falk Jaeger
070909alexa
Am 12. September öffnet Alexa seine Pforten. -Foto: ddp

BerlinMan stelle sich vor, in einem Stadtquartier eröffneten 200 Läden und Restaurants auf einen Streich. Die halbe Stadt wäre im Umbruch, Einzelhandelsstruktur, Einkaufsgewohnheiten der Einwohner und Verkehrsströme wären betroffen. Am 12. September öffnet Alexa seine Pforten, das neue Einkaufszentrum am Alexanderplatz, und verheißt 54 000 Quadratmeter neue Einkaufsfreuden.

Einkaufszentren solchen Ausmaßes sind als Passagen organisiert, eine innerstädtische Bauform des 19. Jahrhunderts, die als Typus um 1800 in Paris entstand. Ob der arabische Basar im Rahmen der Napoleons Ägyptenfeldzug folgenden Ägyptomanie dabei eine Rolle spielte, wird von J. F. Geist, der den Typus untersuchte, bezweifelt, denn der Basar ist mehr Innenraum, Abfolge von offenen Verkaufsgewölben, während sich die Passage als Straße mit Läden und Hausfassaden unter einem gläsernen Dach präsentiert. Die Passage, wie sie in Paris, Brüssel, Mailand oder Berlin zu finden war, ermöglichte es dem sich emanzipierenden Bürgertum, auf sauberen Straßen trockenen Fußes zu flanieren und sich selbst und den neuen Lebensstil zur Schau zu stellen. Auch der von Walter Benjamin beschriebene, eher unbeteiligt schlendernde, beobachtende, genießende Flaneur ist ein Produkt der Passagenkultur.

Doch am emanzipierten Bürger und am Flaneur sind heutige Großinvestoren nicht interessiert. Sie machen aus der Passage, einst öffentlicher Raum par excellence, eine gated community, einen kontrollierten privatisierten Raum für die Käufergemeinde. Aus Fassaden werden Innenwände, aus Pflaster und Plattenbelägen werden Bodenfliesen und Stäbchenparkett, aus Laternen Raumleuchten, aus überdachten Straßen Ladenflure.

Mit dem Raumgefühl ändert sich auch das Verhalten des Publikums. Aus dem Bürger, dem Passanten wird der Konsument, der Käufer. Ziel ist es, den Bürger dem öffentlichen Raum zu entziehen, ihn in das Zentrum zu locken und dort zu halten. Erfolgsmaßstab ist die Kundenverweildauer, die hierzulande bei etwa zwei Stunden liegt. In Portugal, wo der Alexa-Investor Sonae Sierra herkommt, soll er bei sechs bis sieben Stunden liegen. Er sieht also für Deutschland noch viel Entwicklungspotenzial und setzt deshalb auf Unterhaltungselemente, vor allem auf das Angebot für Kinder, die Kindercity und die Modellbahnanlage Loxx nach dem Muster des Publikumsrenners Miniaturwunderland in Hamburg.

Die Idee des Einkaufszentrums, der Mall, ist in den USA geboren worden. Idealtypisch besteht die Mall aus zwei Warenhausmagneten als Polen, zwischen denen Spezialgeschäfte, Gastronomie und Entertainment das Angebot vervollständigen. Die Architektur der zumeist auf einer riesigen Asphaltfläche stehenden Solitärbauten spielt kaum eine Rolle, wichtig sind nur der repräsentative Eingang und ausreichend Parkplätze ringsum, denn die Kunden kommen gezielt und ausschließlich per Pkw.

Als die Malls in den siebziger Jahren nach Westdeutschland und vor allem nach der Wende in die neuen Bundesländer kamen und verkehrsgünstig an den Autobahnen platziert wurden, galt es, auch Autofahrer mit anderen Zielen anzulocken. Signifikante Großformen mit haushohen Werbelogos entstanden, deren Innenleben autonom und austauschbar erscheint, denn Baukunst war bei den Einkaufsmaschinen nicht gefragt, und Architekten waren dabei kaum im Spiel, jedenfalls keine Entwurfskünstler.

Die werden erst wieder seit einem Jahrzehnt benötigt, seit die Einkaufszentren in die Innenstädte drängen und sich mit ihren großen Baumassen zum städtebaulichen Problem ausgewachsen haben. Nun gilt es, die Nutzungen in ein bereits vorhandenes räumliches Beziehungsgeflecht zu integrieren, etwa bei der Königsbaupassage in Stuttgart der Berliner Architekten Hascher und Jehle, die nach außen kaum in Erscheinung treten kann.

Das andere Extrem findet sich seit kurzem in Braunschweig, wo der Investor das klassizistische Residenzschloss als Fassade wiederaufgebaut hat und nun als nobles Entree nutzt. Dort schreitet König Kunde durch das Hauptportal und findet sich in einer Warenwelt wieder, die sich von den 90 anderen Einkaufszentren der ECE-Gruppe nicht unterscheidet. Wie sollte sie auch, wurde sie doch wie alle von hauseigenen Architekten gestaltet. Für Alexa gab es zunächst einen Architektenwettbewerb, den das Büro Ortner und Ortner Baukunst Berlin/Wien mit RTKL Baltimore gewann. Die Architekten gliederten die Baumasse in stadtverträgliche Volumina, setzten ein Hochhaus an die Ecke Alexanderstraße und einen blockhaften Akzent rechts daneben an den S-Bahn-Viadukt. Zwei Längsspangen begleiten S-Bahn und Alexanderstraße und sollen von einem Hotelbau an der Voltairestraße abgeschlossen werden.

Dazwischen erhebt sich aus den steinernen Bauten ein mit eloxierten Fassadenplatten verkleideter goldener Rücken, der an jenen der Staatsbibliothek erinnert. In der Dircksenstraße entlang der S-Bahn gliederten die Architekten die Fassade mit kräftigen, sich überschneidenden Rundbogen, die ein Pendant zu den S-Bahn-Bogen bilden. Die oberen Fassadenflächen sind durch steinerne Vorhänge geschlossen, die textilen Stores nachgebildet sind. Stutzig macht allerdings, dass die „Vorhänge“ von den Fassadenleuchten durchstoßen werden. Am südlichen Ende, wo die Bogen aus Betonfertigteilen um die Ecke gehen, erweisen sie sich für den schmalen Giebel als zu grobschlächtig, und es entsteht eine recht kuriose Baufigur, die an Omas Nähkästchen auf geschwungenen Beinen denken lässt.

Der Mediamarkt am Alexanderplatz allerdings benötigt keine Fenster, und so standen die Architekten vor demselben Problem wie die Kollegen der vierziger Jahre, die damals in die Wohngebiete gewuchtete Hochbunker als Architektur zu verkleiden hatten. Pfeiler oder Lisenen, Dachgesims oder Balustrade, der Bau kann sich nicht entscheiden und schiebt sich dominant ins Blickfeld, blockhaft, abweisend, mit bei den Passanten heftig umstrittener roter Farbgebung, als wolle er an das berüchtigte Polizeipräsidium erinnern, das hier bis zum Krieg gestanden hatte. Die erste Gestapozentrale wurde wegen ihrer Ziegelfassade „rote Zwingburg“ genannt. Ortner & Ortner hatten sich einen „leichten, gebrannten Ziegelton“ gewünscht. Doch der Investor hatte die Architekten längst nach Hause geschickt und das Kommando selbst übernommen. José Quintela da Fonseca aus den eigenen Reihen gilt als verantwortlicher Architekt, er also hat die weitere Entwicklung zu verantworten.

Zum Beispiel die Inneneinrichtung, die er für ortsspezifisch hält und die an die zwanziger Jahre erinnern soll, mit neckischen Art-Deco-Elementen, schwarz verkleideten Säulen und viel Glittergold. Leider sieht auch der Stahlbau der Glasdächer aus, als wäre er in den Zwanzigern entstanden. Die Überschneidungen der verschiedenen Baukörper und Glasdächer, Brücken und Galerien sind an keiner Stelle wirklich bewältigt, und die Designqualität ist an Dürftigkeit kaum zu übertreffen.

So ist es vielleicht ein Glück, dass sich Alexa mit seiner hermetischen Konsumwelt nach innen wendet und die Stadt nicht behelligt. Aus städtebaulicher Sicht möchte man sich noch das Hochhaus an der Ecke wünschen, aber bitte nicht 150 Meter hoch wie geplant, sondern am Haus des Lehrers orientiert, damit es mit diesem korrespondiert und dem Alexanderplatz nach Süden eine Fassung gibt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar