Alexanderplatz : Das Scharnier im Osten Berlins

Seit die Riegel nördlich des Alexanderplatzes unter Denkmalschutz gestellt werden sollen, wird wieder heftig um die Ästhetik des Ortes gestritten. Unser Autor plädiert für den Erhalt der DDR-Moderne - und ihren Weiterbau.

Wolf Eisentraut
Die sogenannte "TLG"-Platte.
Die sogenannte "TLG"-Platte.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Jetzt sind wieder die verbalen Abrissbirnen unterwegs. „TLG-Platte“ nennen sie verächtlich die nördliche Begrenzung des Alexanderplatzes und man ahnt, was das heißt: Weg mit den Zeugnissen der DDR-Baukultur. Dabei gab es bereits einen in die Höhe getriebenen radikalen Masterplan zur Überformung des Alexanderplatzes, der aber bisher keine Chance auf Verwirklichung hatte. Mangel an Geld als positives Städtebauregulativ. Die erhofften Investoren sind nicht gekommen, sie wollten keine Häuser bauen, die niemand braucht. Nun bleibt das Kollhoff’sche Hochhauskonvolut ein Turmbau zu Babel, in sich zusammenbrechend, Verwirrung hinterlassend.

Endlich befasst sich nun die Denkmalbehörde mit dem Ende der 1960er Jahre errichteten Bauten am Alexanderplatz. Und schon wird sie als Investitionshemmnis beschimpft. Dabei tut die Behörde, was ihre Aufgabe ist. Nicht eine einseitige ästhetische und schon gar keine geschmackliche Bewertung, sondern die Bewahrung von baulichen Zeugnissen kultureller Identität abgeschlossener Epochen ist das Ziel des Wandels. Dabei geht es nicht um die Frage, ob ein Gebäude irgendjemandem gerade mal nicht gefällt oder gar, wie neulich zu lesen war, nordkoreanische Assoziationen auslöst.

Denkmalschutz wird gemeinhin begrüßt, wenn man Sonderabschreibungen abschöpfen kann. Er wird verteufelt, wenn er sich Investorenwillkür und Abrisslust entgegenstellt. Leider kommt er oft zu spät und verfügt nur über ein stumpfes Schwert, wie der unwiederbringliche Verlust des Ahornblattes am Fischerkietz zeigt. Wo jetzt deplatzierte Blockrandbebauung über einer finsteren Einkaufspassage steht, prägte einst ein skulpturenhafter Solitär sein lebendiges Umfeld. Für immer verloren.

Der umstrittene Hochhausriegel ist gar kein Plattenbau

Verwirrung in der Terminologie oder politisch motivierter Hintersinn? Alle Ost-Häuser gelten als Platte, aufgrund ihrer angeblichen Banalität verachtungswert und abrisswürdig. So ist das Bürogebäude an der Nordseite des Alexanderplatzes, ehemals Haus der Elektroindustrie und heute Sitz der Treuhandliegenschaftsgesellschaft, nach solcher Lesart eine „TLG-Platte“, also schon vom Begriff her negativ besetzt. Dabei ist es gar keine Platte, sondern nach Plänen von Heinz Mehlan in solidem und auch heute noch üblichen Skelettbau errichtet. Platten gab es an diesem Ort nur einmal: nämlich Schallplatten in einem Geschäft, das Anfang der neunziger Jahre schloss.

Ein ideologiefreier Blick auf die Planungsgeschichte des Alexanderplatzes würde helfen, Unkenntnis und Vorurteile abzubauen. Nicht Kahlschlag zugunsten machtpolitisch motivierten Städtebaus war einst dem Wiederaufbau vorangegangen, sondern eine nahezu totale Kriegszerstörung. Ebenso wenig hatten nicht Walter Ulbricht und schon gar nicht Erich Honecker diesen Platz entworfen, sondern profilierte Städtebauer und Architekten wie Joachim Näther und Peter Schweitzer nach vorangegangenem demokratischen Architektenwettbewerb und öffentlicher Diskussion.

Die Arbeit war getragen von dem Willen und der Zuversicht, der damaligen Ruinenstadt Berlin eine städtebauliche Vision entgegenzusetzen und dem Platz zu angemessener Bedeutung zu verhelfen, in stilistischer Hinwendung zur Moderne und das nur wenige Jahre nach dem traditionalistischen Bau der Stalinallee! Allein das ist, betrachtet man den Zeithorizont, als Epochenschritt schon denkmalwert. Das gilt auch für die damals mögliche Überwindung der kleinteiligen und einengenden Parzellenstruktur zugunsten eines großzügigen stadträumlichen Ensembles.

Bewertet man den nördlichen Rand des Alexanderplatzes, so sind nicht die einzelnen Gebäude zu betrachten, obwohl der kulturelle Wert des Haus des Reisens unbestritten sein sollte. Das von Roland Korn und Kollegen entworfene Hochhaus verfügt über eine große Gestaltungsqualität, es ist ein hervorragendes Zeugnis der sogenannten DDR-Moderne, erdacht und unter schwierigen Bedingungen durchgesetzt von engagierten und ihrem Beruf verpflichteten Bauleuten. Es ist bis heute in seiner markanten Erscheinung stadtbildprägend.

Bei Nacht kann sogar die Berliner Stadtmitte schön sein.
Bei Nacht kann sogar die Berliner Stadtmitte schön sein.Foto: dpa

Es geht vielmehr um den übergeordneten stadträumlichen Zusammenhang und das damalige Leitbild. Schließlich sollte der Alexanderplatz nicht nur Verkehrsknoten, sondern lebendiger Stadtraum sein und seiner Lage als Schnitt –und Umdrehpunkt der historischen Stadt genügen. Von Unter den Linden einschließlich der bereits Ende des neunzehnten Jahrhunderts vollzogenen Weiterführung bis zum Alexanderplatz lenkt er um zum Berliner Osten in den alten Straßenzug Frankfurter Allee. So entstand das städtebauliche Motiv, welches einerseits mittels Hochhäusern und Scheiben den äußeren Rahmen absteckt und den Alexanderplatz in das Stadtgefüge einbindet und andererseits einen verkehrsfreien Binnenraum schafft. Auf diese Weise gewann man dort, wo früher ein Verkehrskreisel war, einen attraktiven und großzügigen Aufenthalts –und Begegnungsraum, ein Forum als Treffpunkt der Bürger, das sich in vielen Festen und Veranstaltungen bewährt hat und den Höhepunkt seiner Ausstrahlung als Rahmen für die historisch bedeutende Kundgebung am 4. November 1989 erfuhr. Allein deshalb ist der Platz ein geschichtsträchtiger und bewahrungswerter Ort.

Heute dominiert hier die heile Warenwelt, der Platz ist verkleinert durch Bebauung, mittels einer Straßenbahntrasse durchkreuzt und von Buden und Zelten besetzt. Aber die stadträumlichen Zusammenhänge gibt es noch. Besondere Bedeutung kommt dabei dem 220 m langen Bürohaus an der Nordseite zu, es begrenzt den Raum genüber den Solitärbauten, gibt dem Ensemble Halt und leitet von der Karl-Liebknecht-Straße in die Karl-Marx-Allee, die Struktur der dortigen offenen Bebauung langer Wohnblöcke zitierend. Ein Abbruch oder schon eine Unterbrechung der Front wäre kontraproduktiv, zumal der dahinterliegende Bereich einen solchen Eingriff nicht rechtfertigt. Im Übrigen: Im Riegel gab es da früher einen Durchgang nach Norden, im Erdgeschoss. Der ist heute verschlossen, vermarktet und vermietet.

Der Schlüssel zur Lösung: Vorhandene Strukturen weiterbauen

Die Nordfront korrespondiert mit den anderen Punkten des Platzes, dem denkmalgeschützten Haus des Lehrers und dem Hotel Park Inn als Mittelpunkt. Das Motiv der platzumrahmenden Hochhausgruppe existiert also schon seit 1970 und nicht erst seit Kollhoffs Plan, allerdings bescheidener, weniger hoch und vielleicht deshalb menschenfreundlicher.

Betrachtet man ideologisch unbelastet diese Konzeption, die gewiss auch Zeugnis der baulichen Anstrengungen der DDR, viel mehr aber der geistigen und schöpferischen Leistungen der dortigen Bauleute ist, gibt es erstaunliche Parallelen zum vorliegenden Masterplan. Diese strukturelle Gemeinsamkeit kann aber, wird sie erkannt und anerkannt, der Schlüssel für eine künftige Lösung sein. Warum nicht den vorhandenen Stadtraum und bestehende Gebäude nutzen und mit weiteren Hochhäusern umrahmen? So erhält man die Geschichte und setzt Neues dazu. Das böte nicht nur die Chance für die Weiterentwicklung und Aktualisierung des Masterplanes, sondern auch für eine kulturvolle und kontinuierliche Stadtentwicklung. So haben sich die DDR-Planer gegenüber den Bauten von Peter Behrens verhalten, sie mit Respekt in die neue Form aufgenommen und zum Bestandteil des Ensembles erhoben.

Keineswegs soll hier die Bewahrung im Sinne einer DDR-Bauausstellung angeregt werden. Berlin ist immer und überall im baulichen Umbruch, auch am Alexanderplatz, der 1928 schon einmal eine Neugestaltung erlebte, damals übrigens auch unter Einbeziehung vorhandener Bauten. So kann und muss auch heute weitergebaut werden, doch auf eine Weise, die Kontinuität bietet und die die baulichen Zeugnisse aus der Zeit des ohnehin besiegten Sozialismus als baukulturelle Dokumente einbezieht. Das wäre auch ein Akt der Versöhnung, das alte Ost-West-Denken überwindend.

Der Autor lebt als Architekt in Berlin und war an der Planung für den Palast der Republik beteiligt. In Berlin konzipierte er zahlreiche Bauten, u. a. das Kino Sojus und das Kaufhaus Am Springpfuhl in Marzahn.

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