Alexandra Pirici im Neuen Berliner Kunstverein : Erde an Alien

Wie würden wir Außerirdischen die Welt erklären? „Aggregate“ von Alexandra Pirici im Neuen Berliner Kunstverein, zwischen Performance und Ausstellung.

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Wirgefühl. 80 Performer wirken in „Aggregate“ mit. „Eine neue Art von Kollektivität“ zwischen Künstlern und Publikum soll dabei erprobt werden.
Wirgefühl. 80 Performer wirken in „Aggregate“ mit. „Eine neue Art von Kollektivität“ zwischen Künstlern und Publikum soll dabei...Foto: Alexandra Pirici

Die Mona Lisa hat ihre Arme gelangweilt übereinandergelegt. Jetzt hängt sie versonnen einem fernen Traum nach. Die Mona Lisa hat an diesem Abend viele Gesichter, ist mal ein Mädchen mit strohblondem Kurzhaar, mal eine junge Frau mit Tattoo und Hochsteckfrisur.

Achtzig Performer verwandeln sich in „Aggregate“ vom Tiger zur Welle, stellen Pflanzen dar oder den David von Michelangelo. Ihre Gesichter spiegeln die Berliner Gegenwart, ihre Körper aber spüren der Quintessenz des Lebens auf der Erde nach.

Die Idee ist berückend. Was würden wir einem Alien zeigen, um ihm die Menschheit zu erklären. Für ihre Performance im Neuen Berliner Kunstverein orientiert sich die rumänische Tänzerin und Choreografin Alexandra Pirici an den Golden Records der Nasa, die in den siebziger Jahren mit der Raumsonde Voyager ins All geschickt wurden. Auf den Datenplatten befinden sich Bilder, Musikstücke und Sprachbotschaften an etwaige Außerirdische, die so einen Eindruck von der Erde erhalten sollen.

40 Motive, auf die jeder Performer zurückgreifen kann

Alexandra Pirici hat jetzt ihre eigene Liste zusammengestellt. Sie hat beispielsweise den Gorilla daraufgesetzt: Wenn es um ihn geht, stemmen sich die Tänzer mit geballten Fäusten auf den Boden. Eine Aal-Kolonie wiederum wiegt sich auf dem Grund des Ozeans im Rhythmus der Wellen. Occupy-Aktivisten wedeln Zustimmung mit ihren Händen.

Mal stimmt die ganze Gruppe einen Song an, dann wieder rezitiert ein Einzelner ein Gedicht. Das Werk Piricis besteht aus insgesamt 40 Motiven, auf die jeder Performer zurückgreifen kann. Wenn ein Akteur eine neue Position initiiert, geht der nächste darauf ein, schließlich vervielfältigt die Gruppe das Thema.

Kritik an dem weißen Ausstellungsraum

Alexandra Pirici, 1982 in Bukarest geboren, absolvierte eine klassische Ballettausbildung, legt aber Wert darauf, dass es sich bei ihrer Arbeit um eine Ausstellung handelt. Fortlaufende performative Aktion nennt sie das. In den letzten Jahren waren ihre Werke bei den Biennalen in Berlin und Venedig zu sehen, in diesem Jahr bei den Skulptur Projekten Münster. In ihrer Arbeit übersetzt sie Sinneseindrücke in Körpererfahrungen.

„Aggregate“ versteht sich zudem als Kritik an dem weißen Ausstellungsraum. Im White Cube, meint Alexandra Pirici, wiederhole sich in abstrakter Form die Vorstellung von der terra nullius, also des Niemandslands, mit der einst der Kolonialismus legitimiert wurde. Weil das Publikum glaube, dass der Raum leer und frei sei, eigne es sich das Territorium an. „Ich wollte eine neue Art von Kollektivität erproben“, sagt Alexandra Pirici, „eine neue Art von Individualität und Subjektivität, die eine Welt bewohnt, die man miteinander teilen muss.“ Im NBK treffen die Besucher auf andere Menschen verschiedenen Geschlechts und verschiedener Hautfarbe, sie müssen sich arrangieren und sich in die Menge einfügen.

Den schönen Figuren fehlt der Platz

Aus der Hybridform zwischen Ausstellung und Aufführung entstehen allerdings dramaturgische Probleme. „Aggregate“ folgt nicht dem Spannungsbogen eines Bühnenstücks, aber auch nicht der Gliederung einer Ausstellung. Die klare Lichtgestaltung von Andrei Dinu leuchtet alle Ecken gleichermaßen schattenlos aus. Weil die über achtzig Performer den Raum füllen, wird das Publikum an die Wand gedrängt und findet sich am Ende doch in der Reglosigkeit von Theaterzuschauern. Immer wieder entstehen schöne Figuren, aber ihnen fehlt der Platz, um Plastizität zu entwickeln. Leichter hat es der Klang, der sich Raum schaffen kann, ohne irgendwo anzustoßen.

Im Verlauf der zwei Stunden gewöhnt man sich an die Enge und an die Wärme, die Körper in Bewegung produzieren. Man orientiert sich an einigen ausgewählten Gesichtern, geht anderen Akteuren aus dem Weg. Dennoch ist ein Wechsel von Nähe und Distanz unmöglich. Zwar singen die Performer mit Depeche Mode: „Words are very unnecessary, they can only do harm“. Aber bei „Aggregate“ fehlen Leere und Stille.

Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestraße 128/129, geöffnet noch an diesem Dienstag und Mittwoch 14–18 Uhr sowie am Donnerstag von 18–20 Uhr.

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