Alfons Mucha : Ringel und Rauch

Mehr als nur Dekor: Das Wiener Belvedere zeigt Alfons Mucha als Historienmaler und Okkultisten.

Nicola Kuhn

Sein Leben lang ist Alfons Mucha Theatermaler geblieben. In den Wiener Bühnenwerkstätten fing es an. Dort lernte der Sohn eines südmährischen Gerichtsdieners sein Handwerk, nachdem ihm die Prager Akademie eine grobe Abfuhr erteilt hatte: „Suchen Sie sich einen anderen Beruf, in dem Sie nützlicher sein werden.“ Nach dem Wiener Theaterbrand, der eine Schließung der Schauspielhäuser zur Folge hatte, suchte der 28-Jährige sein Glück in der französischen Hauptstadt, wo ihm schließlich der Durchbruch gelang: 1894 mit einem Theaterplakat der großen Sarah Bernhardt.

Über Nacht hing das Bildnis der berühmten Aktrice in der Rolle der biblischen Figur Gismonda in der ganzen Stadt. Tout Paris bewunderte ihre mondäne Erscheinung mit dem Palmwedel in der Hand, gehüllt in ein fließendes byzantinisches Gewand aus Goldbrokat, und alle lasen den Namen des Gestalters, der deutlich sichtbar neben dem Schriftzug „Théatre de la Renaissance“ stand. Die Bernhardt erkannte in dem eigenwilligen Künstler, der in Erinnerung an seine osteuropäische Heimat stets im Russenkittel auftrat, ihren Königinnenmacher und nahm ihn für die nächsten sechs Jahre unter Vertrag. Bis heute ist unser Bild von ihr wesentlich durch Muchas stilisierte Darstellung geprägt: die Bernhardt als hoch aufragende Heroine, melodramatisch mal als Medea mit dem blutigen Dolch, mal als Kameliendame, die elegisch ihre Gewänder vor der Brust zusammenrafft.

Umgekehrt denkt jeder beim Namen Alfons Mucha (1860 bis 1939) sofort an den Jugendstilgrafiker, der seine geniale Erfindung – das extreme Hochformat, in dem er seine Figuren wie in einer Mandorla umrahmte – auch in die Werbung übertrug. Seine großen schönen Frauen, um deren Rundungen sich die Gewänder bauschten, empfahlen dann statt einer Theaterinszenierung eben Benediktinerlikör oder posierten mit einer Flasche La Trappestine. Warben sie für Zigarettenpapier der Marke Job, so wurden ihre Leiber von Tabakqualm umhüllt.

Und doch ist Mucha weit mehr als nur der Werbegrafiker und Dekormaler. Eine Ausstellung im Wiener Belvedere zeigt nun das ganze Werk, insgesamt über 200 Zeichnungen, Drucke, Möbelstücke, Schmuckentwürfe, Gemälde und Plakate. Nie zuvor wurde der Mann, dessen Name einen ganzen Stil bezeichnet, so umfassend gezeigt. Nie zuvor waren seine Entwürfe für die Pariser Weltausstellung von 1900 sowie sein Gemäldezyklus „Slawisches Epos“ zusammen zu sehen. Seine ungeheure Schaffenskraft, die Betätigung auf zahllosen Feldern imponieren zwar sofort, aber die Kulissenschieberei auf den Monumentalgemälden der Spätzeit verrät noch immer seine Herkunft als Theatermaler.

In all dieser Vielseitigkeit zeigt sich, wie sehr der Universalkünstler von einem Weltbild durchdrungen war. Dafür ist insbesondere seine Illustration des „Vaterunser“ aufschlussreich. Mucha interpretiert das wichtigste Gebet der Christenheit auf seine Weise: Bei ihm bewegt sich die Menschheit vom Dunkel zum Licht, aus der Höhle hin zum Göttlichen, was weniger den gängigen Glaubensregeln entspricht, als den Ideen damals in Mode gekommener okkulter Zirkel. Wie Lemuren kriechen die Figuren in seinem Zyklus zu den meist weiblichen Lichtspendern hin. Zu den kuriosesten Einfällen gehört die Illustration der Zeile „Unser täglich Brot gib uns heute“, bei der die Massen wie saufende Tiere aus einem Milchstrom trinken, gespendet „aus den Brüsten der Erde“, wie der Künstler auf dem beigefügten Text erklärt. Im Blatt „Und führe uns nicht in Versuchung“ erglühen die Augen der verführerischen Monster, auf dem Schlussbild senden die Hände des segnenden Jünglings Strahlen aus, als wären diese Bilder eher ein Werbeblatt von Magnetismus-Jüngern als die Darstellung des „Vaterunser“.

Seine große Zeit hat Mucha in Paris um die Jahrhundertwende. Er gestaltet den Pavillon für Bosnien und Herzegowina im Auftrag der österreichisch-ungarischen Regierung für die Weltausstellung, auf mehr als 250 Quadratmetern malt er die Geschichte der beiden osmanischen Provinzen. Der Juwelier Fouquet bestellt bei ihm ein Ladeninterieur, nachdem Mucha bereits Schmuck für ihn entwerfen durfte. Als die Nachfrage schwindet, kehrt Mucha 1910 nach Prag zurück, wo er die Geschichte der slawischen Völker auf zwanzig Monumentalgemälden erzählt, für den Veitsdom entwirft er Glasfenster.

Mucha ist in den Schoß der Geschichte seines Landes zurückgekehrt. Was in der Werbung, seinen Theaterplakaten durch die Melodramatik und Übertriebenheit ein gewisses Schmunzeln entlockt, beginnt den heutigen Betrachter bei den Historienbildern zu stören. Die riesigen Gemälde haben weniger künstlerischen als dokumentarischen Wert für eine Zeit, in der die neuen Staatengebilde nach den Wurzeln ihrer Identität suchten. So starrt das slawische Urpaar mit weit aufgerissenen Augen den Betrachter an, während im Hintergrund Barbaren ihr Heim in Brand gesteckt haben. Eine von zwei Genien gestützte Gottheit schwebt vor dem nächtlichen Himmel zur Rettung herbei. Für seine eigene Tragödie fand Mucha keine Bilder mehr. Nach Einmarsch der deutschen Truppen wurde er von der Gestapo inhaftiert, kurz nach seiner Freilassung 1939 starb er.

Unteres Belvedere, Wien, bis 1. 6.; Katalog (Hirmer Verlag) 38 €.

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