Kultur : Alfred Brendel: Der Gentleman bittet zur Taste

Frederik Hanssen

Er ist der perfekte Gentleman: höflich, ernsthaft, belesen, engagiert, präzise, weltoffen. Alfred Brendel wählt seine Worte mit Bedacht - wie seine Töne. Und wie zu seinen Mitmenschen, so verhält sich der Pianist auch gegenüber den Komponisten. Er behandelt ihre Werke zuvorkommend: "Ich will, dass mir die Stücke sagen, wie sie gemacht sind." Gar nicht leiden kann er den "gouvernantenhaften" Drang des Anti-Gentleman Glenn Gould, den Partituren zu erklären, wie sie zu klingen hätten. Für ihn muss der Hörer den Eindruck bekommen, "dass sich die Stücke selber spielen." Als Interpret strebt Brendel nach Objektivität. Und er ist treu: Schon mit Mitte zwanzig fiel seine Entscheidung, nur noch solche Werke zu spielen, "mit denen man ein Leben verbringen kann".

Seitdem beschäftigen ihn vor allem die Sonaten und die Klavierkonzerte Beethovens, die er drei- respektive viermal aufgenommen hat, Mozart, dessen Sonaten er bis heute für die größte Herausforderung hält, Schumann, Brahms, die späten Sonaten von Schubert, den allzu oft unterschätzten Haydn, für den er ebenso viel getan hat wie für die Wiederentdeckung Franz Liszts. Das Künstler-Credo, wieder und wieder dieselben Werke zu befragen, um mit wachsender Vertrautheit zu letzten Wahrheiten vorzustoßen, aber auch seine eigene Einstellung zum Leben zeugt gleichzeitig von tiefer Liebe zum Gegenstand wie von Selbstdisziplin.

Denn es ist keinesfalls so, dass den 1931 in Nordmähren geborenen Sohn aus bürgerlichem Hause nicht auch andere Musik begeisterte, ebenso wie Malerei, Architektur, Theater, polnische und tschechische Literatur. Doch Alfred Brendel erkannte früh, dass der sich beschränken muss, der jene Art von Meisterschaft erreichen will, die Brendel bei seinen Pianisten-Vorbildern Kempff, Fischer und Cortot, aber auch bei Furtwängler oder Klemperer bewundert.

Der bekennende Kosmopolit, der nach zwei Jahrzehnten in Wien 1971 aus Sympathie für britische Wesensart und Demokratietradition London zum Wohnsitz wählte, ist keiner, der sich hinter seinem Flügel verschanzt. Ihn reizt durchaus die Begegnung mit dem Publikum, allerdings eher im virtuellen Salon: Sechs Bücher sind inzwischen von ihm zu haben. Es begann 1977 mit einer Aufsatzsammlung, in der er auf gewinnende Art Gedanken über seine Lieblingskomponisten zusammenfasste. Vor vier Jahren überraschte er dann mit einem Band absurder Gedichte, dem drei weitere folgten. Brendels Behauptung, die Verse über eigenmächtig agierende Zeigefinger oder "Störendes Lachen während des Jaworts" fielen ihm quasi im Halbschlaf zu, mag man kokett nennen: Im Resultat aber ist es für einen skeptischen Feingeist wie Brendel die zweifellos eleganteste Art, sein Leiden an der Absurdität der "Welt da draußen" zu verarbeiten.

Wieviel der Pianist als Künstler und Mensch immer noch zu sagen hat, zeigt der Band "Ausgerechnet ich", mit dem der Hanser-Verlag Brendels heutigen 70. Geburtstag feiert: ein Mammutinterview mit Martin Meyer, dem Feuilleton-Chef der Neuen Zürcher Zeitung. 336 Seiten Text, kein einziges Foto. Das ist wohl in Ordnung so, denn einerseits sieht Brendel seit Menschengedenken gleich aus (nämlich wie ein etwas zu ernst geratener Woody Allen); andererseits gilt auch hier eine gute alte Gentleman-Regel, die da sagt: So viel Form wie nötig, so viel Inhalt wie möglich.

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