Kultur : Alfred-Hrdlicka-Ausstellung: Der Fleischmacher in Magdeburg

Klaus Hammer

Da sich alles Psychische auf das Körperliche gründet, das aus Bewegungen, zyklischen Veränderungen und sonstigen Abfolgen besteht, so geht in den Figuren des Wiener Bildhauers und Grafikers Alfred Hrdlicka das eine ins andere über. Das "Fleischmachen" hat er als das zentrale Anliegen seiner Kunst bezeichnet. Bei diesen Körper-Inszenierungen, diesem Zur-Schau-Stellen fasziniert den Künstler stets das Extrem, die Absonderlichkeiten menschlichen Verhaltens, an ihnen legt er das eigentümlich Individuelle bloß. Seine gestalteten Figuren sind Typen von körperlicher Zeichenhaftigkeit: einer, der den Stock verinnerlicht hat, mit dem er einst geschlagen wurde, im hohl durchgedrückten Rücken; der Gekrümmte, der zwanghaft Verbogene, der lauernd Emporschielende; der Gekreuzigte, dem die Todesqual in den Körper geschrieben steht. Sarkastisch verglich Hrdlicka das Bearbeiten einer Skulptur mit dem Zerstückeln der Opfer des Massenmörders Haarmann.

Seit der ostberliner Akademie-Ausstellung von 1985 ist jetzt in Magdeburg die erste grössere Hrdlicka-Präsentation in den neuen Bundesländern zu sehen, mehr als 70 Skulpturen in Stein und Bronze, Zeichnungen und Grafiken aus den Jahren 1944 bis 1997. Wenn der Schriftsteller Elias Canetti Hrdlicka einen "Chaotiker von außerordentlicher Turbulenz" nannte, dann zeigt gerade diese Ausstellung, dass Hrdlickas Chaos des Fleisches, wie es sich in Mord, Grausamkeiten, Perversitäten geradezu auszutoben scheint, nur die eine Seite seines Schaffens ist. Andererseits erweist er sich auch als ein kritischer, hellwacher Zeitgenosse, der mit politischem Engagement auf die Besserung der gesellschaftlichen Zustände hin zum Humanen setzt.

Seine Themen hat er meist in Zyklen gebündelt und in unterschiedlichen Materialien und Techniken ausgeführt. In der Folge Martha Beck erzählt er von einer Giftmörderin, die einem Heiratsschwindler verfallen war und dessen "Kundinnen" umbrachte, wenn sie ihr gefährlich wurden. In den Arbeiten über den Archäologen Winckelmann reißt Hrdlicka dessen Dissonanz von klassischem Harmonie-Programm und seiner in Entsetzen endenden physischen Existenz auf. Der Fall Haarmann, Prototyp des Massenmörders mit Ordnungssinn, wird für ihn zum "Wetterleuchten für den staatlich organisierten Massenmord" im Dritten Reich. Im Zyklus "Randolectil" wiederum hat er psychisch Kranke in einer Klinik porträtiert, während er in dem Zyklus "Wie ein Totentanz" die Ereignisse des 20. Juli 1944 zum Gegenstand nimmt. Hrdlicka ist der Überzeugung, daß die Kenntnis der Krankheit, an der der Komponist Schubert litt, zum Verständnis des jämmerlichen Lebens eines Genies beiträgt. Ob Greueltaten nun in der Geschichte oder im Mythos angesiedelt werden, sie sind stets Hinweise auf die Existenz und Struktur gegenwärtiger Gefährdungen. Starke Inhalte, Übertreibungen und radikale Zuspitzungen, doch wie das jeweils in die adäquate Form zu bringen, das wild aufschiessende Fleisch zu bändigen ist - das war und ist weiterhin das Problem expressiver Künstler.

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