Alfred-Kerr-Preis : Der Waidwunde

Alfred-Kerr-Preis: Juror Gerd Wameling über den Jungschauspieler Niklas Kohrt.

BerlinZum Ausklang des Theatertreffens wurden gestern im Haus der Berliner Festspiele der vom Tagesspiegel mitgetragene Alfred-Kerr-Darstellerpreis und der 3sat-Theaterpreis verliehen. Den mit 10 000 Euro dotierten 3sat-Preis teilen sich Stephan Kimmig und seine Bühnenbildnerin Kaja Haß für „Maria Stuart“ am Thalia Theater Hamburg. Der Berliner Schauspieler Gerd Wameling sprach als Juror den mit 5000 Euro dotierten Kerr-Preis Niklas Kohrt vom Deutschen Theater Berlin zu. Hier seine Laudatio in gekürzter Fassung .

Auf der Suche nach dem magischen Moment! Das war mein Motto, um einen jungen Schauspieler zu finden. Und dann war da dieser junge Mann, der aus dem Dunkel heraus mit seiner Präsenz zu funkeln und mich sofort in Bann zu ziehen vermochte. Die Rede ist von der Rolle des Bruno Mechelke in Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ in der Regie von Michael Thalheimer. Die Rede ist von Niklas Kohrt! Er ist 28 Jahre alt, studierte Kulturpolitik und Theaterwissenschaften, um 2002 ein Studium an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin zu beginnen, seit 2006 ist er festes Ensemblemitglied am Deutschen Theater Berlin. Hier sah man ihn als Lysander in Shakespeares „Sommernachtstraum“, Regie von Jürgen Gosch, als Damis im „Tartuffe“ in der Regie von Robert Schuster; und mit Michael Thalheimer erarbeitete er „Schlaf“ von Jon Fosse und eben „Die Ratten“.

Die Rolle des Bruno ist nicht groß, und doch gelingt es Niklas Kohrt, einen Charakter zu zeichnen und in Facetten zu erspielen, dass man die Figur nicht mehr vergisst.Vor allem in der letzten Begegnung mit seiner Schwester Jette (Constanze Becker) schafft er in einem Wechselbad von Komik und Grauen dichte Momente von Tragik. Obwohl seine Figur brutal und abstoßend wirkt, ist sie berührend. Das Blut unter der Nase sieht aus wie die klaffende Wunde eines waidwunden Tieres. Man sieht hinein in die Abgründe eines Menschen mit seinem Schicksal, seinem Leid, seinem Schmerz. Er zeigt einen tief verstörten, zerstörten Menschen, der vor dem eigenen Abgrund erschrickt.

Niklas Kohrt spielt mit dem Mut zum Risiko eine sozial schwache Figur aus dem Berliner Milieu. Und diese soziale und persönliche Grundkonstellation führt dann auch zur Katastrophe. Die Mitteilung, dass er Pauline umgebracht hat, fällt aus ihm heraus wie ein schwerer, unverdaubarer Brocken: „Heute morjen halb viere hätt’ se det Jlockenläuten noch heeren jekonnt“. Ein Schauspieler, der aus dem Dunkel leuchtet, einer, der zu großen Hoffnungen Anlass gibt: ein würdiger Alfred-Kerr-Preisträger.

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