Kultur : Ali lebt hier nicht mehr

Daniela Sannwald

Die Zwillingstürme von Casablanca stehen noch. Hoch und weiß überragen sie alle anderen Gebäude dieser Stadt, die ihren Namen zu Recht trägt. Casablanca ("weißes Haus") strahlt in der Sonne und wirkt im Kontrast mit dem blauen Meer frisch und sauber, zumindest aus der Luft betrachtet.

Das in diesem Film immer wieder gezeigte Panorama täuscht jedoch. In Nabil Ayouchs Casablanca gibt es zwar keine Spieler, Dealer und Widerstandskämpfer und erst recht kein Café Américain wie im gleichnamigen Klassiker, aber auch er zeigt die Finsternis, die in den engen Gassen zwischen den hellen Häusern herrscht. Dort schlagen die Straßenkinder ihre Nachtlager auf und schnüffeln vor dem Einschlafen Klebstoff.

Kwita, Omar und Boubker sind drei von ihnen. In einer Schlacht mit einer organisierten Bande ist ihr Freund Ali von einem Stein am Kopf getroffen worden und war sofort tot. Kurz vorher hatte er Kwita noch erzählt, dass die Erfüllung seines Traums bevorstehe: Ein Kapitän werde ihn mitnehmen auf eine Insel, wo zwei Sonnen gleichzeitig scheinen. Zum Beweis zeigte er Kwita ein Geschenk des Seemanns, einen Kompass. Den nimmt Kwita nach Alis Tod an sich - greifbares Symbol des Traums und des Vorhabens der drei Freunde, Ali ein richtiges Begräbnis zu verschaffen.

Sie verstecken ihn zunächst in einem Gewölbe am Hafen und versuchen dann, Geld für die Beerdigung zusammenzukratzen: durch Stehlen und kleine Gelegenheitsarbeiten. Dabei geraten sie immer wieder mit der Dib-Bande in Konflikt, verliebt sich Omar in Alis Mutter, eine Prostituierte, und Kwita in eine Schülerin. Schließlich treffen sie den Mann, der einen Schiffsjungen sucht und Ali bereits angeheuert hatte. Und dieser Kapitän kann tatsächlich Träume wahr werden lassen.

"Ali Zaoua" konzentriert sich ganz auf den Alltag der Straßenkinder; es gibt, mit Ausnahme des Kapitäns und der Mutter, praktisch keine Erwachsenen in diesem Film. Die Stadt wird aus der Sicht der Kinder gezeigt, die ständig um die Befriedigung ihrer existentiellen Bedürfnisse kämpfen: Essen, Zigaretten, Klebstoff und Schlafplatz müssen irgendwie beschafft werden. Der Regisseur hat seine Laiendarsteller aus einem Hilfsprojekt für Straßenkinder rekrutiert und sie spielen lassen, was sie ohnehin kennen. Dadurch wirkt sein Film über weite Strecken wie ein Dokumentarfilm aus einer Welt, die aus Randzonen der Stadt besteht.

"Ali Zaoua" ist aber auch romantisch. Traumsequenzen - animierte Kreidezeichnungen auf einer Schiefertafel - verraten, wonach sich die hartgesottenen Burschen wirklich sehnen: nach einem Zuhause, das für sie mit einem weiblichen Wesen verbunden ist. Ein Schulmädchen in Uniform oder eine Frau von der Reklametafel müssen als Modelle für die Art von Menschen herhalten, die sie am wenigsten kennen.

Der Film ist mit einer ganzen Reihe von Festivalpreisen ausgezeichnet worden. Kein Wunder - trotz aller durchaus fühlbaren Härte erzählt er eine harmlose, harmonisierende, politisch superkorrekte Geschichte, gegen die niemand etwas haben kann.

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