Kultur : Alibis der Vernichtung

Des Mitleids hässlicher Zwilling: Henning Ritter zeichnet in seinem Essay „Die Schreie der Verwundeten“ mit kulturkritischer Zurückhaltung die Ideengeschichte der Grausamkeit nach / Von Marianna Lieder.

Julien Sorel, der Held aus Stendhals „Rot und Schwarz“, verfolgt im Paris der Restaurationszeit den ehrgeizigen Plan, die soziale Leiter emporzuklettern. Dank Intelligenz und Feuereifer bewegt sich der Handwerkersohn bald parkettsicher in den besseren Kreisen, nur insgeheim blickt er voll Abscheu auf die Gesellschaft des Juste Milieu, den wiedererstarkten Standesdünkel, die neue Biederkeit des Denkens und Handelns.

Wie schlimm es allerdings tatsächlich um den Zeitgeist steht, erfährt Julien eines Abends von einem charismatischen Gesinnungsgenossen, dem Grafen Altamira. Für den Ausnahme-Aristokraten, in dem Stendhal sich selbst ein Denkmal gesetzt hat, ist das 19. Jahrhundert das Jahrhundert der Langeweile, des Parteigeistes, des Mittelmaßes und der fatalen Leidenschaftslosigkeit. Altamiras Widerwille gegen die eigene Zeit gipfelt in dem Satz: „Man begeht die schlimmsten Grausamkeiten – aber ohne Grausamkeit.“

Auf den ersten Seiten von „Die Schreie der Verwundeten“ schließt sich Henning Ritter der 1830 in Romanform veröffentlichten Epochenkritik Stendhals an. In den Worten „Grausamkeit ohne Grausamkeit“ entdeckt er eine der bis heute treffendsten Charakterisierungen des gesamten 19. Jahrhunderts. Weitere Belege für die Merkmale des Bürgerlichen Zeitalters findet Ritter bei Zeitzeugen wie Jules Michelet, William James, Arthur Schopenhauer und Charles Darwin.

Souverän folgt er den damaligen Denkbewegungen in Geschichtsschreibung, Naturwissenschaft, Staats- und Moralphilosophie. Zwanglos fügen sich die ideengeschichtlichen Miniaturen zum Porträt einer Epoche, in der Tugend und Terror ihre moderne Gestalt erhielten.

Eines der Zentren dieser Entwicklung ist das von Stendhal verabscheute Frankreich nach 1815: Den blutrünstigen Idealismus der Jakobinerjahre wollte man um keinen Preis erneut durchleben, vom Heldentum, wie es der verbannte Napoleon verkörperte, hatte man ebenfalls genug. Für das Gesamtgesellschaftliche interessierte sich der Bourgeois wenig, dafür ging er seinen Privatinteressen nach, schrieb Tagebuch, sorgte sich um persönliche Sicherheit, Sitten und Besitz. Die Politik bleibt dennoch Machtpolitik.

Bei Benjamin Constant, dem Erfinder des kontinentalen Liberalismus, findet Ritter neben dem Entwurf des selbstbezogen-ängstlichen Großbürgers auch die entsprechenden Rechtfertigungsstrategien der Brutalität beschrieben. Kriege wurden durch möglichst unkriegerische Motive populär gemacht, ökonomische und territoriale Interessen mussten verschleiert werden.

Wenn der Vorwand der Selbstverteidigung zu unglaubwürdig klang, berief man sich auf die humanistische Mission: Seither führt man die Schlachten im Namen des Friedens. Nicht nur in Europa entdeckte man, wie sich das Erbe der Aufklärungsphilosophie zur idealen Tarnung des Verbrechens umfunktionieren ließ. Eine radikale Zweckentfremdung der modernen Rechtsstaatlichkeit beobachtete Alexis de Tocqueville 1831 in Amerika: Jeder einzelne Schritt der Verdrängung und Ermordung der nordamerikanischen Indianer wurde im Anfangsstadium der US-Demokratie penibel per Gesetz und Vertrag geregelt.

Tocqueville sah darin den wesentlichen Unterschied zum Vorgehen der spanischen Conquistadores, die im 16. Jahrhundert nach Laune und jeweiligem Blutdurst unter den Indios gewütet hatten. Der moralische Ansehensverlust, den Spanien sich deshalb nachträglich zuzog, traf die Vereinigten Staaten nicht: „Man könnte die Menschen nicht mit mehr Ehrfurcht vor den Gesetzen der Menschlichkeit vernichten“, schreibt Tocqueville. Obwohl er die Strategie durchschaute, beurteilte er den „legalen“ Völkermord als prinzipiell hinnehmbar.

Überdeutlich drängen sich Parallelen zu den großen Verhängnissen und moralischen Doppelböden des 20. und 21. Jahrhunderts auf. Allerdings vermeidet der frühere „FAZ“-Redakteur jeden ausdrücklichen Hinweis auf aktuelleres Geschehen. Zwischen den Zeilen kommt dafür umso suggestiver zum Ausdruck, dass die globalisierte Routine, mit der man sich heute auf Menschenwürde, Recht und Frieden beruft, keineswegs das Missbrauchspotenzial des Bekenntnisses verringert hat. In seinen 2011 erschienen „Notizheften“ hat Ritter eindrucksvoll demonstriert, wie man sein Unbehagen am eigenen Zeitgeist frei von Verbitterung und Zynismus zum Ausdruck bringen kann.

Von dieser kulturkritischen Gelassenheit zeugt nun auch Ritters Epochenskizze. Folgt man der Darstellung, schien die neue Dimension des Terrors eine weltweite Gegenreaktion hervorzurufen. Eine besonders tatkräftige Form der Nächstenliebe, schreibt Ritter, trat im 19. Jahrhundert ihren Siegeszug an: In Großbritannien erfand man die organisierte Wohltätigkeit und eröffnete die ersten Suppenküchen. Als Antwort auf die Schlachten, die im Namen des Friedens, aber mit immer verheerenderen Waffen geschlagen wurden, rief Henri Dunant 1853 das Rote Kreuz ins Leben. William Booth gründete die Heilsarmee. Ein neues Unrechtsbewusstsein ließ globale Emanzipationsbewegungen entstehen, die Sklaverei wurde abgeschafft. In der Philosophie erklärte Schopenhauer ein Gefühl – das Mitleid – zur einzig wahren moralischen Triebfeder.

Unter dem Titel „Nahes und fernes Unglück“ (2005) hat Ritter dem Mitleid bereits einen großen Essay gewidmet. Gestützt auf die Weisheit der letzten vier Jahrhunderte, von Montaigne bis Ernst Jünger, umkreist er darin die Macht der selbstlosen Passion wie deren Unzuverlässigkeit. Besonderes Gewicht in diesem Stimmenchor erhalten die Philanthropen des 18. Jahrhunderts. Diderot, Voltaire und Adam Smith waren sich einig, dass aus der Allianz von Vernunft und Mitleid nichts werden könne. Ein allgemeines Mitleidsgebot schien ihnen widersinnig. Nur am unmittelbar gegenwärtigen Elend des Nächsten, so der Tenor, könne man Anteil nehmen. Die auf die Gesellschaft ausgedehnte Pflicht zur Einfühlung bleibe stets zu schwach, um die Geschichte zu bewegen. Mit der Geschichte, die er in seinem neuen Buch erzählt, hat Ritter seine moralskeptischen Gewährsmänner keinesfalls widerlegt. Die Aktivierung des Mitleids, die man der Vernunft im 18. Jahrhundert nicht zutraute, wurde im 19. lediglich von der Grausamkeit bewerkstelligt.

Henning Ritter:

Die Schreie der

Verwundeten.

Versuch über die

Grausamkeit. Verlag C.H. Beck, München 2013. 188 S., 19,95 €.

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