Kultur : Alice im Fotoland

JÖRG UTHMANN

Über das angeblich so prüde viktorianische Zeitalter haben wir vielleicht doch nicht ganz die richtigen Vorstellungen.Jedenfalls regte man sich damals über Politiker-Seitensprünge weniger auf als heute.Die Schürzenjägerei des Premiers Palmerstone war ebenso notorisch wie das Interesse seines Nachfolgers Gladstone am Rotlichtmilieu.Als der 79jährige Palmerstone in einem Scheidungsprozeß als Ehebrecher benannt wurde und die Tories überlegten, ob sie daraus im Wahlkampf Kapital schlagen sollten, riet Disraeli ab: "Lieber nicht, sonst gibt es einen Erdrutsch für Old Pam."

Lewis Carroll säße heute vermutlich als Kinderschänder im Gefängnis.Der Verfasser von "Alice in Wonderland", der eigentlich Charles Dodgson hieß, schrieb nämlich nicht nur Bücher über kleine Mädchen, er interessierte sich auch leidenschaftlich für sie.Seine große Liebe war Alice Liddell, eine der drei Töchter von Henry George Liddell, der aus Oxford eine moderne Universität machte.Bei einem gemeinsamen Ausflug am 4.Juli 1862 fragte sie ihn, warum er die schönen Geschichten, die er ihr erzähle, nicht aufschreibe.

Ein Jahr später begann er damit und machte seine Muse zur Hauptperson.Etwa zur gleichen Zeit verboten ihm Alices Eltern das Haus.Was vorgefallen war, wurde nie bekannt.Wahrscheinlich hatte er allzu deutlich seine Absicht durchblicken lassen, die Tochter später zu heiraten.Alice war damals elf Jahre alt.

Dodgson war als Mathematiker nach Oxford gekommen und hatte rasch Karriere gemacht.Mit zwanzig bekam er im Christ Church College einen Lehrstuhl.In Oxford verbrachte er den Rest seines Lebens: ein schüchterner, stotternder, allseits beliebter Junggeselle, der seine Hemmungen nur in der Gegenwart von Kindern ganz überwand.Es war die Zeit, in der die Fotografie aus ihren Kinderschuhen herauswuchs.Die Daguerreotypie wurde durch das "nasse Kollodiumverfahren" ersetzt, das auch von Amateuren gehandhabt werden konnte.Kurz nach seinem 23.Geburtstag fuhr Dodgson nach London und schenkte sich selbst eine Kamera.Er fotografierte fast jeden, der bereit war, 40 Sekunden - so lange brauchte man damals - stillzusitzen.Auch Alice, als halbnacktes Bettelkind verkleidet, hielt er auf der Glasplatte fest.

Erst als er Alice nicht mehr sehen durfte, kam seine Passion für junge weibliche Modelle voll zum Ausbruch.Er machte eine Liste mit nicht weniger als 107 Namen, in der Regel Töchter von Mitdozenten.Dabei ging es ihm keineswegs um die Familienfotos mit ihren puppenhaft herausgeputzten Kindern, wie sie damals in Mode kamen.Die Kinder sollten als eigenständige Persönlichkeiten zur Geltung kommen.Dodgson ermutigte sie, unorthodoxe Posen einzunehmen, mal mit einem schalkhaften, mal mit einem erotischen Unterton.Manchmal verkleidete er sie als Römer und Griechen, manchmal als Figuren der Romanliteratur.

In einigen Fällen bat er die Eltern in langen, umständlichen Briefen um die Erlaubnis, ihre Kinder nackt fotografieren zu dürfen.Und die Eltern überließen sie ihm gern.Die kleinen Mädchen fühlten sich in der Gegenwart des netten Onkels, der sie nach der Sitzung auf den Schoß nahm und herzte, wohl.1880 gab Dodgson plötzlich sein Hobby auf.Hatte es einen Skandal gegeben? Wir wissen es nicht.Dodgson vernichtete die Negative seiner Aktfotos und wies seinen Testamentsvollstrecker an, auch die Abzüge zu vernichten.Lange hielt man alle für verloren.Vor einigen Jahren tauchten vier wieder auf.Wer sich dafür interessiert, findet alle vier in der Biographie von Morton Chohen, die vor drei Jahren bei Knopf erschien.

Die National Portrait Gallery zeigt keines von ihnen.Von den beiden Fotos mit Alice als laszivem Bettelkind bekommen wir nur die keuschere Version zu sehen.Die Kuratoren geben sich ersichtlich Mühe, den Verdacht, hier sei ein fotografierender Unhold am Werk, gar nicht erst aufkommen lassen.Und vielleicht haben sie sogar recht.In einem Zeitalter, in dem sich Leitartikel mit Spermaflecken auf der Kleidung von Praktikantinnen beschäftigen, kann man nicht vorsichtig genug sein.

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