Kultur : Alice im Wörterland

KNUT EBELING

Es gehört zu den wundersamen Undurchschaubarkeiten des menschlichen Lebens, die Welt zweimal vor sich zu haben: als Wirkliche und als Wörtliche.Die gesamte klassische Zeichentheorie geht von der untrennbaren Verbundenheit dieser beiden Größen aus, die sich aufeinander beziehen und doch nicht vertragen wie zwei ungleiche Geschwister.Normalerweise behandeln wir die Wörter als Vertreter von Dingen.Dabei unterstellen wir, daß es die Dinge auch gibt, deren Wörter es gibt.Die Wörter sind so real wie die Dinge, die sie bezeichnen; und die Dinge sind so verführerisch wie die Wörter, die sie umschmeicheln.

Doch was passiert, wenn die wunderbarsten Wörter sich nicht mehr auf reale Dinge beziehen, sondern auf imaginäre? Und was wird, wenn nicht mehr nur Dinge verführerisch und somit käuflich sind, sondern auch Wörter? Diese Fragen stellt das Werk des Berliner Künstlers Adib Fricke, der 1994 eine Firma zur Herstellung und Distribution von imaginären Wörtern gründete."The Word Company" verkauft nicht Produkte mit flockigen Namen, sondern flockige Namen ohne Produkte.Während Wörter eigentlich Vertreter von Dingen sind, macht sich Fricke zum Vertreter von fiktiven Wörtern.Was könnte es kafkaeskeres geben: Ein Handlungsreisender in Sachen überirdischer Namen, ein Wortverkäufer, der seinen Kunden den Sinn seiner Produkte vorenthält.

Seit fünf Jahren ist Frickes Worthandel Bestandteil der Berliner Kunstwelt.Seine "Word Company" ist kein Marketing-Gag irgendeines global players, sondern eine künstlerische Intervention in die semantischen Lagerbestände unerfundener Wörter.Nun gastiert der Wortshop wieder in der Galerie von Barbara Weiss.Vor zwei Jahren hatte Fricke dort die Wände mit Plakaten bedeckt, die geheimnisvolle Botschaften von sich gaben."Wort alleine kommt nicht vor", stand dort zu lesen, oder "Jedes Wort hat seinen Tag".Was es mit diesen Wendungen auch auf sich haben mochte - jedenfalls sah man schnell: Hier geht jemand im Reich der Wörter ein und aus wie Alice im Wunderland im Reich der Phantome.

Für seine diesjährige Ausstellung hat Fricke sechs Wörter aus seiner Kollektion ausgewählt, die den Besuchern des Wortshops bereits bekannt sein dürften.Sein halbes Dutzend alter neuer Wörter breitet er auf zwölf farbigen Postern über die Wände der Galerie aus.Die Mappe mit den sechs Protonymen, wie Fricke seine Wortklone nennt, verkauft er für 480 Mark.Das ist eine Reduzierung im Vergleich zu seinen früheren Preisen.Es gab Zeiten, da hat er ein Wort für 5500 Mark abgesetzt - inklusive sieben Prozent Mehrwertsteuer.Was man für sein Geld erhält, hat Fricke in seinen akribischen Geschäftsbedingungen aufgelistet, die so viele Posten aufweist wie das Alphabet Buchstaben besitzt.Der Inhaber eines Wortes hat zum Beispiel das Recht, sein Wort zu drucken oder es zu rezitieren; er darf es jedoch nicht kommerziell nutzen oder als Markenzeichen eintragen lassen.Jenseits der Paragraphenwelt erhält der Käufer eine geballte Ladung quietschendes Gewört: "Flogo" und "Onomono" heißen sie, "Ritob", "Explom" und "Yemmels".Irgendwie klingen alle diese Namen so fruchtig wie die knallbunten Farben der Poster, auf denen sie erscheinen.So künstlich und plastisch wie eine neue Duftkollektion.

Da überrascht es kaum, daß Fricke einmal von einer Münchner Werbeagentur als Kreativdirektor engagiert wurde.Die beiden Ausstellungen bei Barbara Weiss spiegeln exakt die beiden Produktpaletten der "Word Company" wieder: Lieferbar sind einerseits syntaktische Satzschnipsel oder einzelne Wörter.Einzeln oder gemeinsam läßt sie Fricke in immer unterschiedlicher Form auftreten.Allein die Fixierung der Wörter auf Farbtafeln, die an monochrome Malerei erinnern, ist gemeinsames Prinzip dieser Auftritte.In Frickes Produktkatalog kann also nicht nur allein die Tradition der Versprachlichung des Bildes aufgeführt werden, die visuellen Reinigungsaktionen der Concept Art; er reklamiert auch noch die bildverschmutzende Tradition der monochromen Malerei für seinen Katalog.

Egal, in welcher Tradition man sie liest, die "Word Company" wirft eine Reihe von Fragen auf.Neben den klassischen Fragen der Zeichentheorie - Was ist ein Wort? Was ist eine Bedeutung? - ist es die merkantile Verbindung: Was kauft man, wenn man einen Begriff kauft? Was erwirbt man, wenn man Kunst ohne offensichtlichen Sinn kauft? Kann man Sinnlosigkeit verkaufen? Was ist ein Kauf? Was Kunst? Und was ist was? Darauf kann Fricke nur eine Antwort geben.Mipsel.

Galerie Barbara Weiss, Potsdamer Straße 93, bis 30.April; Dienstag bis Freitag 12-18 Uhr, Sonnabend 11-16 Uhr.

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