Kultur : Alice in den Räten

Silvia Hallensleben

Vielleicht schafft es ja ausgerechnet eine christdemokratische Familienministerin, die familiäre Mitverantwortung der Männer für die Kindererziehung auch materiell zu verankern – eine uralte Forderung der Frauenbewegung. Sie war allerdings auch unter Feministinnen immer heftig umstritten, lässt sich aktive Vaterschaft doch immer auch als Begrenzung weiblicher Autonomie verstehen. Im Bild der nichtfeministischen Öffentlichkeit vom lila-latzhosigen Emanzentum haben solche Debatten wie auch die sonstige Vielfalt frauenbewegter Ansätze keinen Niederschlag gefunden – Alice Schwarzer trat hier allzu früh die mediale Alleinherrschaft an.

Das ist die Grundthese der historischen Rekonstruktion, den jetzt Helke Sander unternahm, eine Aktivistin der ersten Stunde. Mit Filmen wie „Der subjektive Faktor“ oder „Befreier und Befreite“ hatte sie immer wieder die Grenzen feministischen Konsenses übertreten. Nun blickt sie zurück: Mitten im Malestream (heute, Montag und Dienstag im Babylon; heute, ab Sonnabend im Lichtblick, Sonntag dort in Anwesenheit der Regisseurin) versucht, die Geschichte der Bewegung gegen den geschlechtsspezifischen Mainstream aus eigener Sicht zu erzählen und versammelt dazu eine Runde streitbarer Veteraninnen mit zeitgenössischen Filmdokumenten in einem gemeinsamen Raum. Großes Kino – oder ein Filmessay, wie behauptet – ist das nicht, doch mit praktischer Intelligenz dem Machbaren abgerungene Geschichtsforschung.

Jene Form von Emanzipation, von der Ruxandra Zenides Spielfilm-Debüt Ryna erzählt, wäre für Feministinnen der Siebzigerjahre kein Thema gewesen. Denn hier kämpft jemand gegen eine Rolle, die sich viele damals erträumt hätten: Mit Lockenkopf und Werkzeugkasten sieht die hübsche Automechanikerin Ryna aus wie die lesbische Traumfrau par excellence. Doch das männliche Outfit ist nicht freiwillig gewählt. Rynas Vater, trunksüchtiger Inhaber einen kleinen Autowerkstatt am Donaudelta, zwingt die einzige Tochter in die Rolle des nicht vorhandenen Sohns. Doch dann gerät ihr Leben heftig in Bewegung. Der präzise inszenierte Film hat auf Festivals in Bordeaux und Cottbus Hauptpreise gewonnen und eröffnet heute in Anwesenheit von Regisseurin und Hauptdarstellerin im Arsenal die Reihe Zeitgenössisches Kino aus Rumänien . Als Ergänzung kann Hansi Breiers Dokumentation Rumänien - Das Land, in dem ich geboren bin gelten (ab heute außer Sonnabend in der Brotfabrik). Der Film versammelt fünf situative Porträts aus einem Land im Umbruch, ganz ohne Straßenkinder und andere Sozialklischees.

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