Alice Schwarzer und "Der kleine Unterschied" : Wir da unten, ihr da oben

Vor 40 Jahren veröffentlichte Alice Schwarzer ihr Buch „Der kleine Unterschied“: Erstmals erzählten Frauen in der Bundesrepublik von ihrem Alltag und ihrer sexuellen Unterdrückung. Es löste eine große Debatte aus – wie auch andere emanzipatorische Werke jener Zeit.

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Streitbare Frau. Alice Schwarzer (r.) 1975 in einer WDR-Talkshow, mit der Schauspielerin Uschi Glas und dem Schriftsteller Gregor von Rezzori.
Streitbare Frau. Alice Schwarzer (r.) 1975 in einer WDR-Talkshow, mit der Schauspielerin Uschi Glas und dem Schriftsteller Gregor...Foto: picture-alliance / dpa

Was war geschehen? Nicht viel. Eine Journalistin hatte Frauen dazu interviewt, wie es ihnen so ergeht, als Frauen. Daraus hatte sie ein Buch gemacht, weiter nichts. Doch ein Sturm aus Wut und Abscheu brach los, Schimpftiraden wurden gegen die „frustrierte Tucke“ geschleudert, die „andere frustrierte Tucken“ schamlos ausgefragt habe, um dieses Machwerk zu verfassen. So das Urteil in der „Süddeutschen Zeitung“. „Wie eine Hexe im bösen Märchen“ blicke die Autorin durch ihre Brillengläser, erschauderte „Bild“. Und der „Spiegel“ warnte vor dem „aggressivem Intellekt“ der Verfasserin, einer Frau mit „beunruhigendem Männerverstand“.

Hildegard, Sonja, Renate: Schwarzer interviewte 17 deutsche Frauen für das Buch

Das Buch hieß „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Frauen über sich – Beginn einer Befreiung“. Verfasst hatte es Alice Schwarzer, erschienen ist es vor 40 Jahren, im August 1975 beim S. Fischer Verlag. Dort rieb man sich ob der massenhaften Nachfrage die Augen und druckte rasch neue Auflagen. Inzwischen ist das meistzitierte Werk der Feministin und Publizistin Schwarzer in zwölf Sprachen übersetzt, der „Kleine Unterschied“ hatte großen Erfolg.

17 deutsche Frauen interviewte Schwarzer für das Buch, Ehefrauen, Hausfrauen, Verkäuferinnen, Studentinnen, Akademikerinnen mit Namen wie Annegret, Sonja, Hildegard oder Renate. Sie sprachen über die banalsten Dinge: Hausarbeit, Ehe, Freundinnen, Kinder, Probleme im Bett, Probleme bei der Arbeit, Sorgen ums Geld, die Figur, den Selbstwert. Mehrere Verlage hatten das Manuskript abgelehnt. Wer würde so etwas lesen wollen, hatten sie gefragt.

Alice Schwarzer 2012. bei einer Pressekonferenz in Düsseldorf
Alice Schwarzer 2012. bei einer Pressekonferenz in DüsseldorfFoto: dpa

Hunderttausende Frauen wollten so etwas lesen. Sie fanden sich in den Protagonistinnen wieder, in all dem Alltäglichen, das zuvor kaum je zur Sprache gekommen war: weibliche Ängste, Abhängigkeiten von Männern, sexueller Erwartungsdruck. Zutage trat ein enormer Mangel an Wissen über Physis und Psyche beider Geschlechter sowie ein Mangel an Rechts- und Unrechtsbewusstsein.

Rita, Mitte 30, war mit einem Intellektuellen verheiratet, für den sie Manuskripte abtippte. „Meine Schreibmaschine stand mit auf dem Schreibtisch meines Mannes, da hatte ich eine Ecke für mich“, gab sie zu Protokoll. Nach Lohn habe sie nie gefragt, denn „er war wirklich großzügig, hat mich in schicke Kleider gesteckt, in teure Schuhe.“

Es ging auch um sexuelle Unterdrückung und Gewalt in der Ehe

Gitta, 32, geschieden, Stenotypistin, erzählt aus ihrer Ehe: „Einmal hat er zu mir gesagt, ich weiß gar nicht, wozu ich dir noch Geld gebe – meinen Kaffee koch ich allein und schlafen tun wir auch nicht mehr zusammen.“ Die 21-jährige Studentin Verena klagte, sie habe Liebe mit Sexualität verwechselt. „Außerdem fühle ich mich bei der Penetration so als Objekt. Ich tu’ ja nichts dazu.“

Annegret, Anfang 50, Hausfrau, erinnerte sich daran, wie sie als Tochter nach dem Jubel des Vaters über die Geburt des Bruders bemerkte, dass sie „eigentlich niemand war“. Aufs Gymnasium durfte sie nicht, sie musste heiraten. Geschlechtsverkehr verursachte ihr „wahnsinnige Schmerzen“, sie sei „unten ein bisschen eng“, fürchtete sie. Schwarzer ergänzte jedes Protokoll mit Diagnosen. Viele der Frauen, schrieb sie, hielten sich für „zu eng gebaut“, in Wahrheit verkrampften sie sich aus Angst und Abwehr, was von Männern brutal ignoriert wird, und viele täuschten vaginale Orgasmen vor. Sexualität, bemerkte sie, war meistens das Hauptthema der Frauen.

Nur beim Thema Gewalt gegen Kinder schaute auch Schwarzers Buch weg

Doch auch Aufbrüche waren schon damals erkennbar. In Müttergenesungsheimen gab es Gesprächsrunden, frühe Frauengruppen formierten sich, Frauenhäuser und eine ganze Subkultur produktiver Projekte, entstanden, teils mit biologistischen, esoterischen Verirrungen. Davon allerdings war und ist Alice Schwarzer, im tiefsten Herzen Politikerin, weit entfernt.

Mehr als Frauen zuzuhören, hatte es nicht gebraucht, um ein soziales Notstandsgebiet der Geschlechter auszumachen. In theoretischen Schlusskapiteln des Buches prangerte Schwarzer wortmächtig den „Geschlechterdrill“ an, die „Betthierarchien“, den „Terror herrschender Normen“: Das war das Dynamit im „Kleinen Unterschied“. Der Feminismus schien darauf hinauszulaufen, dass Frauen erotische Dienste verweigern würden. Wurde ihnen hier nicht eingeredet, der klassiche, normale Koitus sei Teil einer Machtstruktur und Frauen fänden womöglich mehr Befriedigung in lesbischen Beziehungen?

Nein, sie sei immer schon „gegen die Spaltung von Menschen in Männer und Frauen“ gewesen, erklärte Schwarzer oft. Wachrütteln sollte ihr Buch, den Sinn für Geschlechter-Gerechtigkeit schärfen. Tatsächlich trug es wohl entscheidend dazu bei, dass die Frauenbewegung als eine der Kulturrevolutionen des Westens Deutschlands Mainstream erreichte.

Und auch wenn Grundkonflikte noch ungelöst sind, vieles gilt heute als selbstverständlich, Frauen gelten Männern als ebenbürtig. Heute ist die Rede von Wählerinnen und Wählern, von Studentinnen und Studenten. Kitas und Krippen werden ausgebaut, die „Herdprämie“ der CSU wurde gekippt. Zunehmend werden gleiche Löhne für gleiche Arbeit gezahlt, das Elterngeld erhalten Mütter wie Väter. Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften sind Alltag geworden. Im Mai 1997 erklärte der Bundestag Vergewaltigung in der Ehe für strafbar: Es hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Frauen sich in der Regel keinesweg heimlich sexuelle Gewalt wünschen, sondern dass auch diese Art der Gewalt traumatisierend ist.

Generell ist die Gesellschaft inzwischen beim Thema Gewalt wacher geworden, auch bei Gewalt gegen Kinder, die Alice Schwarzer in den Interviews mit den Frauen schlicht überging. Auch bei Feministinnen war das kein großes Thema. Körperstrafen gegen Minderjährige waren bis 2000 gesetzlich erlaubt.

Später bekannte Alice Schwarzer, die Interviews hätten sie damals selber radikalisiert: „Ich habe bei der Recherche in Abgründe geguckt, die ich nicht vermutet hätte.“ Und das, obwohl sie sich bereits seit ihrer Freundschaft mit Simone de Beauvoir 1969 dem Kampf gegen die Unterdrückung des weiblichen Geschlechtes gewidmet hatte.

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