Kultur : Alien für Petersburg

Bei Aedes East: Pläne für das neue Mariinsky-Theater

Falk Jaeger

Ein Weihnachtsgeschenk, dieser mit verknittertem Goldpapier eingepackte Brocken, den da jemand im St. Petersburger Stadtmodell neben das legendäre Mariinsky-Theater gelegt hat? Keineswegs. Der Jemand ist der französische Stararchitekt Dominique Perrault, und es ist der ernst gemeinte Entwurf für den Erweiterungsbau des Theaters, hervorgegangen aus einem internationalen eingeladenen Architektenwettbewerb – dem ersten in Russland seit 1931.

Ohne die goldene Hülle hätte das Theater die Form, die seit Gottfried Semper als Typus festgelegt ist, lang gestreckt, mit niedrigeren Seitenschiffen und einem den Goldenen Schnitt markierenden Bühnenturm. Perrault stülpt ein polygonales, aus Dreiecken zusammengesetztes Dach drüber, ein Stahlkonstrukt mit Verglasung und goldeloxierten Aluminiumlamellen. Dadurch entstehen um und auf dem Gebäude gedeckte Freiräume, etwa das Restaurant auf dem Dach des Saals oder die Terrassen auf dem Seitenschiff. Auch das Foyer entwickelt sich in diesem hybriden Raum zwischen Zeltgewölbe und einer Balkonkaskade an der Saalbaufassade. 1850 Plätze wird das Theater aufweisen, in einem bei Perrault nicht erwarteten, erstaunlich barock erscheinenden Saal. Sechs Haupt- und Nebenbühnen sollen zur Verfügung stehen. Zum benachbarten Altbau soll eine Teleskopbrücke über den Krykov-Kanal hinweg die logistische Verbindung halten. In der Galerie Aedes East kann das Projekt bereits besichtigt werden (Hackesche Höfe, Mitte, bis 29. Januar, Di–Fr 11–18.30, Sa u. So. 13–17 Uhr, Katalog 10 €).

Viel Mühe hat man sich gegeben, den Petersburgern das neue Projekt schmackhaft zu machen. Die Sympathiewerbung für das auf 220 Millionen Euro veranschlagte Projekt wird nötig sein, denn es ist ein Alien, der da mit seiner neuartigen Form in die barocke Stadtstruktur einbricht – und bereits in fünf Jahren eröffnet werden soll.

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