Kultur : Aliens haben keine Lobby

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Von Ralph Geisenhanslüke

Modezeitschriften sind unsere Geheimwaffe. So lange es Modezeitschriften gibt, braucht die Menschheit sich keine Sorgen zu machen. Wenn es um die Abwehr von Aliens geht, kann schon eine Doppelseite mit Dessous-Reklame wirkungsvoller sein als Atomwaffen oder die neueste Errungenschaft der Nanotechnik. Das zeigt uns Regisseur Barry Sonnenfeld gleich zu Anfang.

Serleena, die Oberbösewichtin, erinnert bei ihrer Landung auf der Erde an eine Kreuzung aus Artischocke und fleischfressenden Pflanze; etwa wie die Außerirdischen in Roger Cormans „Little Shop Of Horrors". Doch extraterrestrische Lebensformen nehmen für die Dauer einer Spielfilmhandlung traditionell menschliche Gestalt an. Meist orientieren sie sich dabei an dem ersten Geschöpf, das ihnen begegnet und kopieren dessen Verhalten. Und das erste Wesen, das Serleena erblickt, ist ein Dessous-Model in einer doppelseitigen Anzeige von „Victoria’s Secret“. Serleena wird gespielt von Lara Flynn Boyle, die – höflich formuliert – um einiges zierlicher ist als Ally McBeal. Und fortan ist sie mit der selben Photoshop-induzierten Essstörung geschlagen wie viele Erdlinge.

Gummimenschenwerk

Da steht sie nun mitten in der Nacht im New Yorker Central Park. Der erste Vergewaltiger lässt nicht lange auf sich warten und zerrt sein vermeintliches Opfer hinter den Busch. Serleena verspeist ihn kurzerhand, kommt mit einer dicken Plauze zurück, blickt nochmals auf die Anzeige, geht erneut hinter den Busch und speit ihn wieder aus.

Was ist das Kostbare an dieser Szene? Nein, nicht die Anzeigendoppelseite. Es ist die Leichtigkeit, mit der es Barry Sonnenfeld erneut gelingt, in einer Klamauk-Szene eine zweite Ebene einzuziehen. Schon 1997, in der ersten Folge von „Men in Black“, ließ er illegale Einwanderer die Grenze nach New Mexiko überqueren – und mokierte sich über die US-Einwanderungspolitik: Alle dürfen mit den besten Wünschen weiterziehen, bis auf einen, der sich als Alien entpuppt und zu Brei zerschossen wird.

Barry Sonnenfeld hat Erfahrung mit Gummimenschen und künstlichen, fremdbestimmten Figuren. Der gelernte Kameramann begann seine Regiekarriere mit Pornos. Auf dem Höhepunkt dieser Laufbahn, erzählte er dem Magazin „Newsweek“ habe er einmal in neun Tagen neun Pornos in Spielfilmlänge gedreht. Viele Stars würden alles tun, um eine solche Vergangenheit zu vertuschen. Sonnenfeld aber begriff sie als Schule für Hollywood. Heute witzelt er: „Aliens sind glitschiger als Pornodarsteller, Pornodarsteller sind haariger als Aliens.“ Bevor er ins große Geschäft einstieg, drehte Sonnenfeld drei Filme für die Coen-Brüder, deren diskret abseitiger Humor eine weitere Reifestufe darstellte. Und zeigte schließlich mit Rob Reiners „Harry und Sally“, dass ihm Berührungsängste vor dem Mainstream endgültig fremd sind.

Um gute Komödien zu machen, muss man viel gesehen haben. So war die Entdeckung des Komödien-Genies Sonnenfeld eine logische Konsequenz. „Die Addams Family“, „Schnappt Shorty“ und schließlich „Men in Black“. Aufgebaut auf einem Marvel-Comic, wie derzeit mehrere Kinohits, persifliert Sonnenfeld die Grundkonstruktion vieler Science-Fictions: „Sie sind unter uns!“ Allein in Manhattan leben 1500 registrierte Außerirdische in Tier- oder Menschengestalt – was in „Men in Black“ einige Besonderheiten des New Yorker Alltags erklärt. Natürlich verneigte sich Sonnenfeld vor Weltraumsatiren wie „Per Anhalter durch die Galaxis“ und nahm seine Story nicht eine Sekunde ernst.

Es gehört zu den Voraussetzungen solcher Filme, dass die Erde bedroht ist und jemand sie verdammt noch mal retten muss: Schließlich sind Aliens die letzten Wesen im Kino, die man noch ungestraft niedermetzeln darf. Während die USA nach außen immer intoleranter gegenüber Fremden erscheinen, leidet die Öffentlichkeit unter dem Waschzwang der Politischen Korrektheit. Der führt dazu, dass noch der kleinste Fehltritt in semantische Watte gepackt wird.

Jede Interessengruppe hat ihre Anti-Diffamierungsliga. Nur Aliens kennen keine Lobby, sie sind wandelnde Zielscheiben. Tommy Lee Jones und Will Smith, optisch durchaus verwandt mit den Blues Brothers, reizen ihre Handlungsvollmachten genüsslich aus. Die beiden Superspezialagenten bedienen ein abstruses Waffenarsenal und waten knietief in Alien-Matsch waten. So befreiten sie unter geringstmöglichem mimischem Aufwand und Absonderung trockener Dialoge sie erstmals vor fünf Jahren den Planeten Erde „vom Abschaum“ aus höheren Sphären.

Und niemand fragte: Werden wir nicht längst von Aliens regiert, wenn ein Mann wie Will Smith mit Segelohren und einer Frisur wie eine Badekappe 20 Millionen Dollar für einen Film bekommt? Ein Sequel ist ein Sequel. Die besten Ideen sind verschossen, das Publikum misst den Zweitling am Erstling. Das sind die Gesetze des Marktes, unkt die Kritik. Reine Mengenlehre. Allein deshalb hält die Statue der Produktionsfirma Columbia im Vorspann statt der Fackel einen „Neuralizer“: jenes Gerät, mit dem die „Men in Black“ allen Zeugen das Gedächtnis löschen. So werden auch die Zuschauer wieder auf Null gesetzt, damit die kosmische Verbrüderung von Produzent Steven Spielberg und George Lucas’ digitaler Effektschmiede „Industrial Light & Magic“ mit zigfach potenzierter Rechenkapazität eine neue, kosmische Popcornwelle lostreten kann.

Geschminkte Schnauze

Die immerhin ist so flüssig animiert wie selten, kurzweilig, wenn auch nicht mehr ganz so subversiv. „Star Wars – Episode II“ und „Spider-Man“ wirken geradezu holperig dagegen. „Gleicher Planet - neuer Abschaum“, heißt es ironisch. Sonnenfeld hat – im Gegensatz zur überbordenden visuellen Kreativität – die Storyline nochmals tiefer gelegt. Macht nichts, denkt das Publikum. Allein die kettenrauchenden „Worm Guys“ und die ausgebaute Rolle für Frank, den Mops, sind es wert. In der ersten Folge sprach er den unvergesslichen Satz: „Wenn dir das nicht passt, kannst du meinen pelzigen kleinen Hintern küssen.“ Jetzt singt er „I will survive“. Es handelt sich übrigens um dasselbe Tier (mittlerweile ein Hunde-Senior), dem die ergraute Schnauze nachgeschminkt werden musste. Ungeschminkt, weil ohnehin vollsynthetisch, ist der kurze Auftritt von Michael Jackson, der sich immer wieder am Telefon aufdrängt – auf der Suche nach der verlorenen Zielgruppe.

Mercedes Benz dagegen – dessen E 320 so oft durchs Bild fährt, dass er von Rechts wegen in der Besetzungsliste stehen müsste – scheint die Autokäufer von morgen frühestmöglich binden zu wollen. Das nicht ganz serienmäßig ausgestattete Agentenmobil – von Will Smith als „The New Hotness“ eingeführt – liegt dem Agenten K (Tommy Lee Jones, etwa im Alter der Kernkundschaft) zunächst etwas unsicher in der Hand, als die Beschleunigung sein welkes Gesichtsfleisch nach hinten drückt. Sony/Columbia und Mercedes – die beiden Hemisphären des Potsdamer Platzes in Harmonie. Zum Knutschen.

Leider hat Burger King, deren Whopper die böse Serleena so gierig in sich reinstopft, in Berlins neuem Zentrum (noch) keine Filiale. Sonst könnte man die unweigerlich kommende dritte Folge gleich an Ort und Stelle drehen.

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