Alissa Ganijewas Roman "Die russische Mauer" : Die Träume der Bombenleger

Alissa Ganijewa erzählt in ihrem Roman „Die russische Mauer“ von der brisanten Lage in Dagestan - und schafft damit eine furchterregend aktuelle Apokalypse.

Nicole Henneberg
Früher Berg der Feste, heute Berg der Brände: Dagestans Hauptstadt Machatschkala, Schauplatz von Ganijewas Roman.
Früher Berg der Feste, heute Berg der Brände: Dagestans Hauptstadt Machatschkala, Schauplatz von Ganijewas Roman.Foto: IMAGO

Noch vor wenigen Jahren galt Tschetschenien als Laboratorium für Terroristen – heute hat das benachbarte Dagestan diese Rolle übernommen. Die gnadenlosen Einsätze der russischen Anti-Terror-Einheiten treiben immer mehr junge Männer in die Arme der militanten Islamisten, und die im zweiten Tschetschenien-Krieg völlig zerstörte Stadt Grosny zeigt, wo dieser Weg endet. Alissa Ganijewa schildert in ihrem Roman „Die russische Mauer“, zwischen hartem Realismus und einer bedrückenden Traumsphäre wechselnd, die entscheidenden Wendepunkte einer furchterregend aktuellen Apokalypse. Dieser erste, moderne Roman aus Dagestan ist ein Glücksfall. Er räumt nicht nur mit der in Russland gern betriebenen, folkloristischen Verklärung des Kaukasus auf, sondern blickt psychologisch genau ins Herz dieses Konfliktes.

Im Roman bleibt es offen, ob Moskau wirklich die arme, moslemische Teilrepublik am Kaspischem Meer durch eine „russische Mauer“ abtrennen und damit loswerden will. Allein das Gerücht beschleunigt die Ereignisse auf dramatische Weise: aggressive Mudschaheddin patrouillieren durch die Straßen von Dagestans Hauptstadt Machatschkala , zerstören Museen, zünden Bibliotheken an, zertrümmern Musikinstrumente und verprügeln unverschleierte Frauen. Die hilflose Polizei, von Moskau nach Einsatzstunden bezahlt, stürmt Moscheen, schießt um sich, verhaftet wahllos junge Männer.

Ganijewa schildert den prekären Alltag in Machatschkala

Zu Beginn des Romans herrscht scheinbar Friede. Zwar hat der empfindsame, noch in spätpubertären Nöten steckend Schamil, die Hauptfigur, überraschend seinen Job verloren. Er versucht trotzdem weiterzuleben wie bisher: Geht zum Fitnesstraining oder rast nachts mit seinen Freunden im Auto durch die Stadt. Nur liegt eine sonderbare Stille über den Straßen, überall stehen Polizeiposten, und die Mädchen in den Clubs wirken verängstigt. Ganijewa schildert sehr genau den prekären Alltag in Machatschkala: enge Wohnungen, kaputte Straßen, dazu die explosiven ethnischen Rangordnungen, die große Macht der Familie, die Reibung zwischen islamischem und sowjetischem Lebensstil, der vor allem die Frauen zutiefst verunsichert.

Die 1985 geborene, heute in Moskau lebende Autorin hat ihre Kindheit und Jugend in der dagestanischen Hauptstadt verbracht. Sie gilt als eine der wichtigsten, eigenwilligsten Stimmen der jungen russischen Literatur. Ihr Debüt, die Jugendszene-Erzählung „Salam, Dalgat“, erregte Aufsehen und wurde vielfach ausgezeichnet. Vom Moskauer Maxim-Gorki-Literaturinstitut, an dem Ganijewa studiert hat, erhielt sie 2008 den Preis für „Unzeitgemäße Gedanken“ – nicht ohne Sarkasmus, denn sie nimmt weder als Autorin noch als Journalistin ein Blatt vor den Mund. Dass sie dafür in Dagestan als Nestbeschmutzerin und in Russland als Großmacht-Saboteurin angefeindet werden würde, sah sie voraus. Ihr Debüt veröffentlichte sie unter männlichem Pseudonym.

Die Teerunde wird zum Kriegsschauplatz

2008 erhielt die Autorin den Preis für „Unzeitgemäße Gedanken“: Allisa Ganijewa.
2008 erhielt die Autorin den Preis für „Unzeitgemäße Gedanken“: Allisa Ganijewa.Foto: Greg Bal/Suhrkamp Verlag

Wladimir Putin, der im Kaukasus „ein für alle Mal aufräumen will“, geht davon aus, dass die Angehörigen von Terroristen für deren Taten eine „moralische Verantwortung“ tragen, und von einem solchen Fall erzählt der Prolog von Ganijewas Roman: Binnen Sekunden verwandelt sich eine familiär-entspannte Teerunde in einen Kriegsschauplatz. Wir erfahren nicht, wie das Ganze konkret ausgeht, die Szene bricht ab, und prägt sich als unfertiges Bild in heftiger Bewegung umso stärker ein.

Die allgemeine Unruhe erfasst auch Schamil, der lieber liest und träumt, als politische Diskussionen zu führen. Aber jetzt wandert er neugierig durch die Stadt und erlebt ungläubig staunend deren vollständigen Zusammenbruch. Als naiver Beobachter lässt er sich treiben, hört den Rednern auf den großen Plätzen zu, wo sich Lesgier und Kumyken gegenseitig die Schuld an der Misere zuschieben und Forderungen nach einem „vereinigten Lesgistan“ oder einem unabhängigen Kumukstan erheben, bekräftigt mit einem inbrünstigen Allahu Akbar. Und er folgt kopfschüttelnd dem Streit zwischen einem gemäßigten Sufisten und einem geifernden Salafisten, der mit einem Mord endet. Nur vor den weißhaarigen Alten, die Stalins starke Hand beschwören, flüchtet er und kehrt lieber bei seiner Tante ein, deren Großfamilie im Innenhof kocht, Alltagssorgen bespricht und in ihrer freundlichen Bescheidenheit eines der Hoffnungsbilder des Romans abgibt.

Von der Korruption in Dagestan

Fast beiläufig, in Erinnerungsfetzen ihrer Hauptfigur, lässt die Autorin die Korruption in Dagestan aufscheinen: In den Behörden wurde nach sozialistischer Manier nur Kaffee getrunken, getratscht und „organisiert". Wer einen Job ergattern wollte, musste, genauso wie für bestandene Prüfungen, zahlen. So wurde die Elite des Landes reich und schwelgt gern in kitschig-pompösen Festen. Die Schilderung einer Oligarchen-Hochzeit, wo hemmungslos gesoffen und gefressen wird, der Brautvater mit Dollarscheinen um sich wirft und neue Bündnisse aushandelt, bis die Mächtigen mit Hubschraubern zu einer Krisensitzung geholt werden, gehört zu den amüsantesten und eindringlichsten Kapiteln.

Alissa Ganijewa: Die russische Mauer.
Alissa Ganijewa: Die russische Mauer.Foto: promo

Schamils Verwirrungen sind mitreißend erzählt, auch wenn man sich den Helden als Charakter feiner ausgearbeitet gewünscht hätte. Aber wie er beim Warten auf seine Freundin lachend in einem sozialistischen Helden-Roman versinkt, um dann verzweifelt zu erfahren, dass sein Mädchen sich den Mudschaheddin anschließt, das steckt voll bitterer Ironie.

„Berg der Feste“ heißt der Roman im Original, in Anspielung auf einen mythischen Ort in den Bergen, der alle Zeiten überdauert. Der ganze Roman ist durchzogen von detaillierten Schilderungen des archaischen Lebens in den Bergdörfern, die Schamil mit einem Freund durchstreift. Er mag die Gelassenheit und Sorgfalt der traditionellen Handwerker, die Farben der Teppiche, die kargen, funktionellen Einrichtungen: Diese Passagen lesen sich wie eine Hommage an das alte, ländliche und intakte Dagestan. Der Epilog erzählt von einem großen Fest in diesem verlorenen Paradies, es ist ein Reigen der Sagengestalten und Romanfiguren – doch vielleicht ist es auch ein Todestraum Schamils, der in einen der ersten Bombenangriffe auf die Stadt gerät.

Alissa Ganijewa: Die russische Mauer. Roman. Aus dem Russischen von Christiane Körner. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 233 S., 22,95 €.

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