Kultur : "All die schönen Pferde": Der Geschmack von Liebe und Abenteuer

Daniela Sannwald

Sie Reiten. Es gibt nichts, was ihnen mehr Spaß macht. Die Einsamkeit, die Hitze, die Trockenheit der weiten Landschaft, die sich im flirrenden Sonnenlicht bis zum Horizont erstreckt: All das ist ihnen urvertraut. Die Bewegungen ihrer Pferde beherrschen sie wie die der eigenen Gliedmaßen, und manchmal sprechen sie mit ihnen so wie miteinander: in wortkargen, ruhigen, gedehnten Sätzen.

"Nachts lagerten sie im hochgelegenen Vorgebirge; ihr windzerfetztes Feuer schnippelte an der Dunkelheit herum", schreibt Cormac McCarthy in seinem Roman, der Grundlage dieses Films. Das Buch schaffte es 1992 binnen kurzem auf die Bestseller-Liste der New York Times, eine Tatsache, die trotz seines romantischen Sujets erstaunlich ist: Cormac McCarthy ist ein Sprachvirtuose, dessen Spektrum vom dialektgefärbten, umgangssprachlichen Dialog bis zur wortgewaltigen Beschreibung vor allem von Naturphänomenen reicht: "Die lamellierten Farbbänder im Westen verbluteten unter gehämmerten Wolken. Eine jähe violette Kapuze über der Erde."

Noch viel erstaunlicher: Billy Bob Thornton hat sich an die Verfilmung gewagt - und dabei ist ein unbedingt sehenswertes Produkt herausgekommen, in seinen besten Momenten eine adäquate visuelle Umsetzung von McCarthys Country-Prosa.

Die Geschichte ist einfach: Nach dem Tod seines Großvaters im Frühjahr 1949 verliert der junge Texaner John Grady Cole (Matt Damon) sein Zuhause, weil die Mutter die Familienranch verkauft. John reitet mit seinem Freund Lacey Rawlins (Henry Thomas) in Richtung Mexiko. Dorthin, wo Land und Himmel weiter, die Herden heldischer und die Pferde wilder sind als in Texas. Sie überqueren den Rio Grande, und all ihre Träume werden wahr: Der Pferdezüchter Rocha stellt sie als Cowboys ein, und dessen Tochter Alejandra (Penelope Cruz) verdreht John Cole den Kopf. Aber die mexikanischen Sitten sind für Fremde schwer zu verstehen. John missachtet alle Warnungen und lernt, dass Himmel und Hölle nah beieinander liegen. Am Ende sitzt er wieder im Sattel, um den Rio Grande ein zweites Mal, nun in umgekehrter Richtung, zu überqueren.

Sehnsucht: Darum vor allem geht es in diesem Film - und in vielen Western überhaupt. Sehnsucht nach Freiheit und Liebe in der Gewissheit, dass beides zusammen nicht geht. Sehnsucht nach Land, von dem man niemals genug haben kann. Sehnsucht nach Anerkennung von denen, die man bewundert. Schließlich Sehnsucht nach Abenteuern, in denen man sich diese Anerkennung verdienen kann.

Das zentrales Motiv aber ist die Liebesgeschichte zwischen John Cole und Alejandra Rocha, und Billy Bob Thorntons stärkste inszenatorische Momente liegen in der Visualisierung von Johns Sehnsucht - nach Alejandra und überhaupt. Da schauen die Amerikaner von einem Hochplateau in ein fruchtbares Tal, wo Vaqueros, die mexikanischen Cowboys, eine Rinderherde vorantreiben. Mit ihnen sieht man den silbrigen Fluss, die Männer, die vom Pferderücken aus Hunderte von Tieren dirigieren. Und man hört das Stampfen der Hufe, Schnauben, Wiehern und die Rufe der Vaqueros. In der Abenddämmerung erstreckt sich das Land bis zum Horizont, und dann reitet die junge Frau vorbei. Aufrecht sitzt sie auf einem glänzenden Rappen, das lange Haar offen, den flachen Hut im Nacken - zu schön, um wahr zu sein. Man weiß jetzt schon, dass John sie lieben wird, weil sie perfekt zu beherrschen scheint, was sein Beruf, seine Berufung, seine Leidenschaft ist: Pferde.

Dieses Reiten zusammen in der Nacht oder im Morgengrauen: Es nimmt den Liebesakt vorweg, macht ihn im Grunde überflüssig. Tatsächlich sind es auch die gemeinsamen Ritte, die der Stallknecht beobachtet und verrät - und die Alejandras Vater schließlich dazu bringen, John und Lacey der Polizei auszuliefern für einen Diebstahl, den sie nicht begangen haben.

Vorher ist bereits eine Gewitterwand über der Mesa aufgezogen. Extreme Totalen von Landschaften, die in der Hitze flimmern, mit winzigen, verlorenen Menschen darin; ausgewaschene Pastelltöne und Pferde, immer wieder Pferde; das ist das Mexiko des Jahres 1949, auf das sich John Coles Sehnsucht richtet. Dort will er Teil des Landes, ja, der Erde sein und sich in archaische Traditionen einfügen, die mit dem Zweiten Weltkrieg in den USA verloren gegangen sind. Billy Bob Thorntons Vision von Land und Zeit zeigt, was John Cole dort sucht.

Dass "All die schönen Pferde" Schwächen hat, dass er, vor allem wenn man ihn mit dem literarischen Epos McCarthys vergleicht, mitunter kitschig, eindimensional und oberflächlich wirkt, dass Matt Damon als John Cole zu alt, seine Darstellung wiederum zu naiv ist, mag alles sein. Aber immer wieder gibt es auch diese unglaublichen Bilder, die man nicht nur sehen, sondern auch riechen, schmecken und hören kann. Fühlen natürlich sowieso.

0 Kommentare

Neuester Kommentar