Kultur : All That Jazz

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Christian Broecking über

den Swing, der wichtiger ist als der Ruhm

Wie gewohnt war auch er wieder gebucht für die großen Sommerfestivals. Doch dann endete seine letzte Tour völlig unerwartet vor zwölf Tagen in Indianapolis. Er habe sich zum Mittagsschlaf hingelegt und sei nicht mehr aufgewacht, berichtet sein Freund, der Bassist John Clayton. Ray Brown hatte einen vollen Ton und sehr viel Drive. Ende der vierziger Jahre, gerade in New York angekommen, lernte er den Trompeter und Bandleader Dizzy Gillespie kennen. Nach zwei innovativen und aufreibenden Jahren mit dem Bebop-Revolutionär ging Brown mit seiner späteren Ehefrau Ella Fitzgerald auf Tour. Doch zu Browns Lebenswerk gehört vor allem seine Mitwirkung an „Jazz At The Phiharmonic“, mit der er achtzehn Jahre um die Welt tourte. Und fast ebenso lange, bis Mitte der sechziger Jahre spielte Brown im Trio des Pianisten Oscar Peterson, der im Rückblick auf eben jene Jahre sagt, dass nicht der schnelle Ruhm und Plattenvertrag, sondern Talent und Swing die wesentlichen Zutaten des Jazz sind. Auf www.jazzradio.org kann man Ausschnitte aus einem Konzert von Ray Brown und dem Pianisten Monty Alexander hören. Erst vor drei Wochen erschien seine CD „Some of My Best Friends Are Guitarists“ mit Kenny Burrell und Russell Malone.

Die neue CD des Pianisten Brad Mehldau heißt „Largo“ und bezieht sich damit nicht nur auf die Tempobezeichnung, sondern auch auf einen Club in Los Angeles, in dem der Produzent der Platte, John Brion, jahrelang das Freitagabendprogramm bestritt. Auf www.jazzonline.com gibt es jetzt ein Video-Interview mit Brad Mehldau, der mit „Largo“ so aus dem bisher gesetzten Art-Of-The-Trio und -Solo-Rahmen fällt, dass er selbst ganz verblüfft ist. Mehldau ist der Mann, der, als er noch mit dem Saxofonisten Joshua Redman auf Tour war, Interviewanfragen regelmäßig mit dem Satz „I´m Just The Piano Player“ abblockte. Jetzt ist er der gefragteste seiner Generation.

Ebenfalls sehr ungewöhnlich ist die neue CD von Cassandra Wilson, „Belly Of The Sun". Unlängst von Time Magazine zur besten US-Sängerin ernannt, widmet sich Wilson der Blues-Ästhetik, die lange Zeit von müden schwarzen Männern verwaltet wurde. Wilson stammt aus der Mississippi-Gegend und hat dort auch die meisten der Songs aufgenommen. Zufällig benutzte sie denselben Aufnahme-Wagen, den The Band einst für „The Last Waltz“ gemietet hatten. So kam es zu einer spontanen Neu-Interpretation von „The Weight“, die dann zum Opener der CD wurde. Neben Blues-Klassikern singt Wilson auf „Belly Of The Sun“ auch Stücke von Bob Dylan und James Taylor. Am Dienstag tritt sie um 20 Uhr auf der Museumsinsel auf (Einlass ab 18 Uhr 30).

Die größte noch lebende Jazzsängerin, Animata Moseka, hieß ganz früher einmal Anna-Maria Woolridge, bevor sie Gaby Lee und dann zu Abbey Lincoln wurde. Arte sendet am Dienstag ab 23 Uhr eine Geschichte über die engagierte Sängerin, die damit beginnt, dass sie als 17-jährige bei Billie Holiday als Putzfrau jobbte.

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