Kultur : All That Jazz

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Christian Broecking über

Klezmer als Selbstfindungsmusik

David Krakauer spielt häufig im „Tonic“, einem kleinen Laden in der Lower East Side New Yorks mit Seventies-Atmo und angeschlossenem Anarcho-Buchladen. In seinem jüdischen Elternhaus wuchs Krakauer allerdings ohne Klezmer auf. Mit der traditionellen jüdischen Musik wurde der klassisch ausgebildete Musiker erst bei den Klezmatics vertraut. Seitdem gilt der Klarinettist mit seinem Freestyle-Klezmer als Institution der in die Jahre gekommenen New Yorker Avantgarde. Seine „Klezmer Madness“-CDs erschienen auf John Zorns Tzadik-Label. Thomas Meinecke fragt in seinem Roman „Hellblau“, ob Krakauers Kollege, der afroamerikanische Klarinettist Don Byron, der mit Klezmerparodien begann, weißer spiele als der Jude John Zorn, der im September 1992 in München das erste „Radical Jewish Music“- Festival leitete. Damit kommt ein fragiles Problem der Identitätskonstruktion auf den Tisch – denn selbst wenn Byron gewollt hätte: Die Teilnahme am jüdischen Kulturleben bleibt ihm verschlossen.

Der jüdische Gitarrist Marc Ribot wirkte 1992 am Manifest für eine Radical Jewish Music mit, damals waren diese Musiker zutiefst davon irritiert, dass die Sounds der Independent-Musikszene nicht mehr eindeutig von jenen der neofaschistischen zu unterscheiden waren. Mit dem Label Radical New Jewish Music wollten sie sich davon absondern, doch der Titel suggerierte, dass hier eine nationalistische Bewegung unterwegs sei. Für den New Yorker Ribot wurde das schnell unerträglich, als Musiker aus dem Kreis auf einmal anfingen, sich wie orthodoxe Juden zu benehmen. „Ich finde, dass jüdische Musiker aus dem East Village sich nicht durch Klezmer repräsentieren sollten. Das ist konstruierte Authentizität in einer fast lächerlichen Pose.“

Beim letzten Frankfurter Jazzfestival, das sechs Wochen nach dem 11. September stattfand, kam es dann zum Identitätseklat. Der jüdische Gitarrist Elliott Sharp distanzierte sich auf offener Bühne vom Image seiner beiden Mitmusiker, Rea Mochiach und David Krakauer. Er fühle sich keiner Religion oder Kultur zugehörig, die sich selbst als radikal tituliert. Dafür bekam er Applaus. Die Klezmatics spielen am Samstag beim Open-Air-Festival auf der Museumsinsel vor der Alten Nationalgalerie, Beginn 19.30 Uhr. Arte zeigt am Dienstag um 23 Uhr ein David-Krakauer-Porträt mit Interviewsequenzen und Eindrücken aus seinem New York.

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