Kultur : All That Jazz

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Christian Broecking schlägt den Bogen vom Todestrakt zum Party Funk

Für den Gitarristen Jean-Paul Bourelly geht es beim Back Room in dieser Woche um ein sensibles Thema. „Black America“ stellt Fragen nach der Identität schwarzer Amerikaner und Deutscher und danach, wie soe Menschen von den anderen gesellschaftlichen Gruppen wahrgenommen werden. In seiner Charlottenburger Wohnung kramt Bourelly nach den Briefen aus dem Todestrakt. Er kann es immer noch nicht fassen, wie offiziell und scheinbar normal das alles ist. Die Adresse im Briefkopf verrät, was den Schreiber erwartet. Der Posaunist Joseph Bowie hat den „Todeskandidaten“ Richard Earl „Head“ Williams über einen gemeinsamen Freund kennen gelernt.

Viele Afroamerikaner sitzen unschuldig in US-amerikanischen Gefängnissen, fügt Bourelly hinzu, aber das wisse hier in Deutschland ja eigentlich jeder. Doch bei „Head“ Williams geht es um einen, der sich schuldig bekannt hat. Der grausame Dinge hinter sich hat und selbst Schreckliches getan hat. In den Briefen erzählt Williams seine Lebensgeschichte und Träume, einige davon sind in Gedichtform verfasst. Und Joseph Bowie hat dazu einige Stücke komponiert, die er beim Back Room zur Aufführung bringen wird. Bowie wurde vor allem bekannt als Leader der afroamerikanischen Funk-Band Defunkt, aber auch auf Bourellys neuer CD „Trance Atlantic“ ist er dabei.

Dass die Texte von „Head“ Williams sich für den Party Funk von Defunkt eignen, hält auch Borelly noch nicht für ausgemacht. Beim Back Room wird Bowie diese Mischung zusammen mit Fuasi Abdul Khaliq und den Hausband-Leiter des gerade eröffneten Soultrane, Kenny Martin, jetzt zum ersten Mal in Berlin präsentieren. Die afrodeutsche Slam-Poetin Olumide Popoola wird eigene Texte sprechen.

Bourelly will mit diesem Back Room auch darauf hinweisen, dass man sich in Berlin noch sehr schwer damit tut, die Afrodeutschen als Mitbürger wahrzunehmen, die hier geboren und aufgewachsen sind. Der Back Room „Defunkt – Black America“ findet Freitag und Samstag im Haus der Kulturen der Welt statt, Beginn jeweils 20 Uhr 30.

Beim „festival neue musik pol 7“ in Frankfurt hatten der Gitarrist Erhard Hirt und der Saxofonist John Butcher im März 2002 schon ziemlich verrückte Klänge und ein Gefühl für das Neue produziert, das – wie sich gerade bei solch gepflegten Reihen immer wieder zeigt – sehr subjektiv und flüchtig bleibt. Hirt ist ein Electronicfreak, der das Gitarrengriffbrett als Tastatur zur Klangerzeugung nutzt. Butcher kommentierte Hirts sensible Soundcollagen mal so, als ob im Keller was nicht stimmt, dann, als hätte Pharoah Sanders gerade im Nebenzimmer Platz genommen, oder halt wie das leise Stöhnen der Entspannung. Und sehr schnell wurde klar, hier geht es nicht mehr um das Fragment. Die Zeit des Unfertigen, der eben mal ins Geschehen geworfenen Klänge einschließlich der davon überwältigten und manchmal ebenso unfertigen Akteure ist passé.

Der in London lebende Saxofonist John Butcher kultiviert klassisches Brit-New-Music-Design, mehrmals gewaschenes T-Shirt über Hose, und ist schnell reisefertig. Sein Equipment passt in einen handlichen Koffer. Am Samstag improvisiert er ab 22 Uhr im Podewil zusammen mit Christof Kurzmann (G3) und DJ Mika Vaino (Panasonic).

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