Kultur : All That Jazz

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Christian Broecking über die

feindliche Übernahme eines stillen Partners

Der am Mittwoch 80 Jahre gewordene Saxofonist Von Freeman kommt aus Chicago angereist, der Pianist Andrew Hill gibt ein mit Spannung zu erwartendes Comeback-Konzert. Am Dienstag stellte der künstlerische Leiter des Jazzfests 2002, John Corbett, sein Line Up als das bestmögliche Programm, das ein Journalist machen könne, vor. Und zumindest auf dem Papier macht sich das auf den ersten Blick auch ganz gut. Im Jazzfest-Programmheft ist seitenlang von der Kunst des Drummers die Rede, von Schlagzeugern also, die auch Bildhauer und Maler sind, nur die Ausstellung dazu gibt es nicht. Dann will der Musikjournalist aus Chicago sein Programm als antikommerziell verstanden wissen, als wäre Kommerz beim Jazzfest in den letzten Jahren je ein Problem gewesen.

Überhaupt fasst sich der aufgewärmte Widerspruch zwischen „schöner“ und „kommerzieller“ Kunst irgendwie seltsam rückwärtsgewandt an in einer Jazzstadt, die die subventionierte Musik pflegt und hegt bis das Publikum abwinkt.

Die Idee, den Zusammenhang zwischen bildender Kunst und experimenteller Musik hervorzuheben, ist natürlich geklaut. Beim Total Musik Meeting (TMM) im Podewil konnte man im vergangenen Jahr wunderschöne Originale von Gumpert & Co bestaunen, auch ein früher Schlippenbach hing da im Clubraum. Im Unterschied zum Jazzfest hat das TMM, das ebenfalls vom 31. Oktober bis 3. November stattfindet, neben schöner Musik (Evan Parker) auch zwei Fotoausstellungen im Programm und einen Vortrag von Peter Niklas Wilson zum Leitthema „Music That Matters“ (31. 10.). Einen überaus lesenswerten Vorgeschmack auf Wilsons Ansichten zum aktuellen Zustand der improvisierten Musik gibt es übrigens in dem gerade erschienenen Buch „Jazz und Gesellschaft“ (Wolke Verlag), in dem sich auch ein Beitrag von George Lewis findet. Im vergangenen Jahr war der Posaunist, Komponist und Professor für kritische Studien und experimentelle Praktiken an der University of California in San Diego noch beim TMM zu Gast, diesmal hat ihn Corbett für das Jazzfest eingeladen. Was ist geworden aus der Hassliebe zwischen Jazzfest und TMM? Nicht nur das finanzielle Auskommen der Festivals hat sich geändert: das Meeting von der Haushaltssperre bedroht, das Fest an den Bund übereignet – auch das Schweigen der Jazzfest Macher ist mittlerweile unüberhörbar. Seitdem sich der Erfinder des TMM, Jost Gebers, aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hat, findet es weder im Programmheft noch auf der Pressekonferenz des Jazzfests mehr statt. Umso merkwürdiger, da Corbett schließlich den wesentlichen Teil seines Programms mit Musikern speist, die aus der Welt des Konkurrenten kommen. Nie zuvor gab es so viele Überschneidungen (Schlippenbach, Lovens, Lytten) wie in diesem Jahr.

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