Kultur : All That Jazz

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Christian Broecking über

einen Aufrechten, der um Haltung ringt

1974 wurde er bei den Berliner Jazztagen ausgebuht, seitdem hat er diese Stadt gemieden. Jazz muss mehr sein als eine Backgroundmusik für Champagner und Cocktails, hat Sonny Rollins immer wieder gesagt. Zwischen den Titeln seiner Konzerte ballt Rollins seine rechte Faust zum Gruß, für einen knappen Moment und bis Kopfhöhe nur – die soziale Sprengkraft seines Sounds braucht kein aufdringliches Gehabe. Leichtes schwarzes Designer-Outfit mit dunkler Brille und weißem Bart, Rollins hat immer darauf geachtet, gut rüberzukommen. Wenn er redet, versteht man sofort, warum nur wenige Stars der amerikanischen Szene sich trauen würden, ihn anzusprechen, falls sie ihm einmal im Fahrstuhl begegnen sollten. Seine Stimme ist tief und kratzig, sein Saxofonsound spröde und bissig.

Rollins hat sie alle überlebt - Miles Davis, John Coltrane, Thelonious Monk. Die Erfinder des Modern Jazz, mit denen er in den Fünfzigerjahren auf legendären Bühnen stand. Später empfand Rollins es dann als diskriminierend, wenn man ihn für Festivals buchen, aber nicht zur Hauptattraktion machen wollte. Dass ein Mann wie Benny Goodman zum King of Swing gekührt wurde, hat Rollins nie verwunden. Zwar erhob er selbst keineswegs Anspruch auf diesen Titel, doch Goodman war weiß – und da lag seines Erachtens das Problem. In jedem seiner Soli zitiert er die große Tradition des Jazz, und die ist für Rollins eine originär afroamerikanische Kulturleistung.

Rollins wuchs im New Yorker Stadtteil Harlem auf, aber dank des Einflusses seiner Mutter, die von den Virgin Islands stammte, führte er einst mit seinen Kompositionen „St. Thomas“ und „Don´t Stop The Carnival“ karibisch-orientierte Rhythmen und Melodien in den Jazz ein. Der 72-Jährige, von der New Yorker „Village Voice“ schon vor Jahren als „The Greatest Living Jazz Musician“ bezeichnet, hat mit seiner Komposition „Salvador“, dem Kernstück seiner aktuellen CD „This Is What I Do“, eine Hommage an die Hauptstadt Bahias aufgenommen. In dieser Region Brasiliens, in der die Kultur der afrikanischen Sklaven bis heute überlebt hat, sind die Rhythmen zentral. Für Rollins sind die Drums, die Beats, das wesentliche Bindeglied der verschiedenen Ausprägungen schwarzen Musik.

Rollins, ein Meister der Ballade, wie seine Version des Billie Holiday-Klassikers „In My Solitude“ eindrucksvoll zeigt, verlangt von seinen Musikern viel Respekt und hinterlässt selbst den Eindruck einer latenten Steifheit. Alles was er macht, zielt auf Haltung, kompromisslos schön aber auch leicht verschroben, und da er in seiner Band niemanden beschäftigt, der ihm selbst nahe kommen könnte – sei es nun durch Leistung, Image oder einfach nur Mut – bleibt seinen Musikern die Rolle der Diener, nicht die der Kämpfer. Aufrecht wacht Rollins über das Bühnengeschehen, auch heute ab 20 Uhr im Tempodrom.

Das nächste Muss folgt am Mittwoch im Quasimodo: Die norwegische Sängerin Sidsel Endresen singt auf der neuen CD „Out Here. In There“ die ganze Wahrheit. Zusammen mit dem Keyboarder Bugge Wesseltoft hat sie eine der schönsten Aufnahmen dieses Jahres gemacht (22 Uhr).

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