Kultur : All That Jazz

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Christian Broecking über

den schmalen Raum zwischen C und Cis

Sein buntes Käppi suggeriert afrozentristische Spiritualität. Der EchoEffekt bewirkt, dass sein Saxofon noch spielt, wenn er es bereits aus dem Mund genommen hat. Pharoah hat den Spirit der Sechziger kultiviert. Zittrige Musik, laut und warm. Der Nach- Coltrane-Cry, den Pharoah durch Zirkularatmung in endlose melodische Schleifen integriert und perfektioniert hat, kann den Eindruck erwecken, es handle sich hier um Musik, die antikommerziell genannt werden soll und sich gesellschaftlich engagiert. Zu den Eigentümlichkeiten von Pharoah Sanders Karriere gehört, dass ihm beides abgeht. Als er von John Coltrane engagiert wurde, spielte er Free und hatte nur ein Thema: Saxophonmundstücke. Drei, vier Jahre zuvor war er nach New York gezogen, um in der Arche von Sun Ra, einer hierarchisch geführten Musikerkommune, unterzukommen. Als er sie zwei Jahre später verließ, hieß Farrell Sanders aus Little Rock, Arkansas, Pharoah und lebte von Blut- und Kleingeldspenden. Wenn er heute von früher spricht, dann redet Pharoah über Mundstücke. Er erinnert sich an stundenlange Gespräche mit Coltrane über Mundstücke und gemeinsame Ausflüge in die Pfandleihhäuser, um Mundstücke zu testen. Pharoah ist in der Lage, sein Leben nach Mundstücken zu ordnen. Pharoah raucht nicht, trinkt nicht und verabscheut Drogen – auch wenn man beim Hören seiner Musik anderes ahnen mag. Seine Heimat ist der Raum, der zwischen einem C und Cis liegt. Im Grunde ist er ein erklärter Nicht-Jazzer. Ein Player für alle Fälle vielmehr, der sich mieten lässt und nicht rechtfertigen will für den Soundmüll, der bei solchen Produktionen schon mal abfällt. Dass er am Mittwoch im Soultrane an der Seite des Gitarristen Jean-Paul Bourelly auftreten muss, ist für diesen Ort und Anlass sicher nicht die erste Wahl. Doch macht es für ihn keinen Unterschied. Mit dem Lächeln eines Heiligen absolviert er gelegentlich solche öffentlichen Auftritte.

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