Kultur : All That Jazz

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Christian Broecking über

ein konzeptloses, aber gutes JazzFest

Der Trompeter Manfred Schoof kam – wie viele andere JazzFestMusiker auch – schon einen Tag früher an. In der Lobby seines Hotels in unmittelbarer Nähe des Festspielhauses steht er und spricht von früher. Um ihn herum das ganz normale Treiben an einem der ungewöhnlichsten Jazztage des Jahres. Der Bassist Ron Carter will am Abend noch beim Pianisten Jason Moran im Quasimodo vorbeischauen, um ihm Mut zu machen. Denn das brauche man in diesem Geschäft, sagt Carter, sonst knapp 40 Jahre und 2493 Plattenaufnahmen von Moran entfernt, aber hier jetzt ganz nah, greifbar, umgänglich, Rat gebend. Das Hotel hat nur einen Fahrstuhl, dass sich das kreative Potenzial in der Lobby staut, scheint gewollt. Der Pianist Alexander von Schlippenbach, der zwischen Total Music Meeting und JazzFest pendelnd in diesem Jahr einen regelrechten Konzertmarathon absolvierte, mahnt den Saxofonisten Gerd Dudek zur Eile. Auch Dudek weiß noch nicht so recht, ob das nun alles besser oder schlechter als früher sei, auf jeden Fall ist vieles anders. Doch wann ist eigentlich „früher“? Schoof erzählt, wie Berendt ihn früher mal nach Tegel geschickt habe, um Miles Davis abzuholen. Und dass die Philharmonie irgendwie festlicher war. Früher, das war auch vor zwei Jahren, als der Intendant der Berliner Festspiele, Joachim Sartorius, noch überlegte, wechselnde künsterische Leiter mit entsprechenden Themenschwerpunkten für jeweils eine Spielzeit zu verpflichten. Mit Nils Landgren und Skandinavien gelang das überaus erfolgreich im letzten Jahr, obwohl selbst Landgren immer wieder beteuert hat, im Auftrag gehandelt zu haben. Seine persönlich erste Wahl wäre anders ausgefallen.

Da der künstlerische Leiter des diesjährigen JazzFests, John Corbett, aus Chicago kommt, dachte man nun, dass sein Auftrag Chicago sei. Stattdessen hat er viele Musiker jenseits der 60 engagiert, thematisch ist sein JazzFest-Programm aber nicht fassbar. So konnte Corbett dann auch kritischen Fragen geschickt aus dem Weg gehen, etwa, warum die immens einflussreiche Chicagoer Musikerorganisation AACM auf seinem Festival noch nicht einmal erwähnt wird. Publikumswirksame Big Names fehlen, und vielleicht ist es ja noch der Landgren-Bonus, der dazu führt, dass das JazzFest wieder richtig gut besucht ist. Trotz eines Line-Ups vieler exzellenter Musiker, die es nicht wirklich geschafft haben, sich ein größeres Publikum zu erspielen. Vielleicht sind es die clevere Wahl der Spielorte – zwischen Soultrane, Stilwerk, Quasimodo und Festspielhaus liegen 10 Gehminuten oder ein 3-Euro-Taxi – die Low-Budget-Eintrittspreise (ab 4 Euro) und eine überaus sympathische No-Kommerz-Attitüde, die es leichter machen, einfach mal wieder Jazz zu gucken. Der Hauch von Hipness, den das letzte JazzFest beim Bugge-WesseltoftKonzert hatte, fehlt diesmal.Im nächsten Jahr wird unter Leitung von Peter Schulze, viele Jahre leitender Musikredakteur bei Radio Bremen, alles anders. Der Radiomann, der das Festival aus seiner Tätigkeit im mitveranstaltenden ARD-Gremium sehr genau kennt, wird dann erstmal für drei Jahre das JazzFest Berlin leiten. Nur noch ganz wenige Karten gibt es für das heutige Abschlusskonzert im Quasimodo mit Ken Vendermark (22 Uhr 30), das Jim Hall/Charlie Haden- und George Lewis- Konzert ist ausverkauft.

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