Kultur : All That Jazz

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Christian Broecking über einen

Sänger, der am Klavier sitzt und schweigt

Andy Bey ist ein kleiner Mann, Jahrgang 1939. In den Fünfzigerjahren war er schon dabei, trat im Apollo auf und veröffentlichte SoloPlatten. Mit seinen Schwestern Salome und Geraldine war er einfach „Andy and the Bey Sisters“. In dem Film über Chet Baker, „Let’s get lost“, findet sich ein kurzer Ausschnitt aus Paris, der Andy Bey an der Seite von Kenny Clark und Bud Powell zeigt. Zehn Jahre später verschlägt es Andy Bey nach Washington, um für Eddie Harris Klavier zu spielen. Und obwohl Horace Silver Bey einen sehr begabten und einfühlsamen Pianisten nennt, ist er auch für ihn der eine Sänger geblieben: Platten, die von der gemeinsamen Arbeit zeugen, haben Titel wie „Total Response“ und „It’s got to be funky“.

Auch für Gary Bartz war er die große Stimme. In dessen NTU-Troop sang er zum Generationswechsel Ende der Sechziger Texte über Revolution und Bewusstseinswandel. Im „Drinking Song“ warnte er die selbst ernannten Freiheitskämpfer vor übermäßigem Alkoholgenuss: erst der Überbau, dann die Party. Andy Bey ist schwarz und stolz. Bey gebraucht seine tiefe Stimme wie ein Instrument, und er hat einen unverwechselbaren Sound. Am liebsten singt er Stücke von Billy Strayhorn, dem großen Komponisten im Schatten von Duke Ellington. Strayhorn war schwul, und Bey ist es auch. Erst mit 30 entdeckte er seine sexuelle Vorliebe für Männer, längeren Beziehungen ist er aus dem Weg gegangen. „Ich bin Skorpion“, so Bey, will sagen, dass das ein sehr sexualisiertes Sternzeichen ist, „tief und extrem, dunkel und privat“.

Bey ist HIV-positiv, aber er fühlt sich okay. Gelegentlich macht er bei Anti-AIDS-Projekten mit. Der sonst eher scheue Sänger meint, dass ihn die Auseinandersetzung mit dem Virus offener, selbstbewusster gemacht habe, dass er gar ein besserer Künstler geworden sei. Er kennt die Macho-Welt des Jazz. Aber er sei immer für seine künstlerische Leistung respektiert worden, sagt er.

Nick Drakes „River Man“, ein Titel aus der Singer/Songwriter-Tradition der Siebzigerjahre, schien fast schon vergessen, bevor er durch zwei völlig unterschiedliche Interpretationen wiederbelebt wurde. Andy Bey sang Drakes Komposition beim Berliner Jazzfest 2000, und Brad Mehldau gab „River Man“ bei den JazzNights als Zugabe. Auf Beys neuer CD „Tuesdays in Chinatown“ gibt es „River Man“ jetzt auch als Bonus-Track. Am Mittwoch singt Bey im Soultrane (Beginn: 22 Uhr).

Weitere Highlights der Woche: Die afroperuanische Sängerin Susana Baca am Sonnabend in der Passionskirche um 20 Uhr und um 22 Uhr 30 im Quasimodo der Saxofonist Joshua Redman mit neuem Trio.

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