Kultur : All That Jazz

GÜNTHER HUESMANN

Geniale Ideen kommen selten in erhabenen Momenten.Meist überfallen sie einen in ganz alltäglichen, profanen Augenblicken.Beim Spazierengehen.In der U-Bahn.Auf dem Klo.Davon konnte auch Charlie Parker, der Begründer des Bebop-Stils, ein Jazz-Lied singen.Als der Altsaxophonist mittellos aus Kansas City in New York ankam, arbeitete er als Tellerwäscher in einem Club der 52nd Street, wo der Herkules des virtuosen Jazz-Pianos, Art Tatum, ein harmonisches Ideenfeuerwerk nach dem andern abfeuerte.Wahrscheinlich hatte Parker gerade seine Hände in lauwarmes Wasser mit wenig Schaum und viel gelöstem Bratfett getaucht, als er von Tatum jene harmonischen Erweiterungen hörte, auf die Parker später einen ganzen Jazz-Stil und die Revolution des modernen Jazz aufbaute.Wer also Ambitionen darauf hat, eine Jazz-Größe zu werden, sollte sich am Mittwoch unbedingt als Tellerwäscher in der Küche des Charlottenburger Jazzclubs A-Trane bewerben.Die Chancen, daß man so ganz nebenbei, oder wie man sagt - "spülend" einfach - einige knisternde Jazz-Ideen aufschnappt, sind besonders hoch.Denn am diesem Tag stellt die neue Hoffnung des Berliner Piano-Jazz Christian von der Goltz seine aktuelle CD in einer Record Release Party vor (30., 12., Beginn 22 Uhr).

Obwohl von der Goltz mit den Weihen einer klassischen Ausbildung gesegnet ist, hat er sich die Jazz-Welt als Autodidakt erschlossen.Er hat bei den, fast hätte ich gesagt, "harmonischen Trüffelschweinen" des Jazz-Pianos, bei Walter Norris und Kenny Werner, gelernt.Die finden ja selbst in der größten Akkord-Wüste noch rare Improvisations-Delikatessen.Von seinen Lehrern hat von der Goltz nicht nur die harmonische Schatzsucher-Mentalität mitgenommen, sondern auch das Faible für eine runde, ausgefeilte, in Klang-Feinheiten schwelgende Anschlagskultur.Nachdem von der Goltz erfolgreich die Grimmschen Märchen des Jazz, die "Standards", rauf und runter erzählt hat, drängt es ihn nun nach eigenen Geschichten.Es sind weniger schwere, dicke Jazz-Romane als vielmehr feine, geschwungene Jazz-Novellen, die er uns erzählt.Geschichten, in denen das Erbe der großen Piano-Trios (Evans, Jarrett, Peterson) ebenso mitschwingt wie ein Bewußtsein für die metrischen Vertracktheiten der Neuzeit.Mit Phantasie und Originalität hat sich auch Andreas Weiser in den neunziger Jahren ins Herz der Berliner Szene getrommelt.Nach dem bittersüßen und cremig-zarten Brasil-Pop von "Xiame", in dem Weiser sich den Congas mit Schmetterlings-Flügelschlägen zu nähern schien, und nach mehreren musikalischen Weltumsegelungen mit der World-Jazz-Band "Materia" (die uns viele bunte Postkarten hinterlassen hat) wendet sich der Perkussionist nun härteren, rüderen und kantigeren Grooves zu.Funk, Drum & Bass und Techno haben in der Musik seiner Band "Shank" ebenso ihre rhythmischen Schürfwunden hinterlassen wie das

Jazz-Rock-Schwitzbad von Joe Zawinul (Quasimodo, Di.29.12., Beginn 22 Uhr).Mit dem Posaunisten T-Bone, dem Elektro-Bassisten Andreas Advocado und dem strammen ex-Defunkt-Drummer Kenny Martin mag "Shank" im Aufsagen balladesker Jazz-Gedichte niemals Klassen-Primus werden.Dafür aber bringt sie die bunten Tanzböden dieser Welt um so energischer zum Schwingen.

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