Kultur : All that Jazz

Bevor Charlie "Bird" Parker im Format der Combos zur Bebop-Revolution blies und den Jazz zur Kunst adelte, machte er das, was jeder Jazzmusiker Anfang der vierziger Jahren tat: er spielte zum Tanz auf, in Big-Bands.

Bei dieser Gelegenheit trug der Altsaxophonist eine Sonnenbrille.So konnte man nicht erkennen, daß Bird, der seine Parts auf Anhieb auswendig wußte, während der Proben schlief; mit dem Horn im Mund.Formeln und Floskeln wuchern nirgendwo im Jazz so üppig wie im Bereich der Jazzorchester.Satzdiziplin und Satzhierarchien zwingen zur Anpassung; und oft wird aus gut gemeinter Normerfüllung das Versinken in routinierter Bequemlichkeit.

Doch was für die einen ein Exerzierplatz seelenloser Techniker ist, das ist für die anderen ein Paradiesgarten einzigartiger, schillernder, neuer Jazzfarben.Erstaunlich viele junge Big-Bands drängen zur Zeit auf die Szene.Und es ist faszinierend zu beobachten, wie persönlich sich diese Jazzorchester den Ritualen der Drei-Satz-Big-Band verweigern.So auch das 11-köpfige Copenhagen Art Ensemble.Den trägen Öltanker Big-Band flott macht in dieser Band (nomen paradoxon) Lotte Anker, die dänische Jazzkomponistin, die in ihren Charts die Massierung zu Satzblöcken geschickt umgeht.Jedes Instrument ist hier höchstens zweimal vertreten, und so stehen ungewöhnlichen Stimmkreuzungen nur die überbordenden Ideen dieser Band im Wege.Mit der Beweglichkeit einer Combo flitzt das Orchester durch zarte Balladen-Meditationen und vehemente Free-Diskussionen, durch Rock-Attacken und durch die höhere Groove-Mathematik der ungeraden Metren.Besonderen Reiz gewinnt der Auftritt in der Kalkscheune (heute, Beginn 21 Uhr) durch den Gastsolisten Tim Berne.Der ungekrönte König der New Yorker Saxophon-Avantgarde sorgt mit seinen moralin-sauren, acerbischen Alt-Linien für zusätzliche Reibung.

Über prallere Sounds und eine größere Palette an Farben verfügt das Laura Andel/Oli Bott Jazz Orchestra.Diese Big-Band, 1996 in Boston gegründet, ist ein Berliner Neuzugang und hat starke Wurzeln in der klassischen Big-Band-Tradition (Kulturbrauerei, heute 21 Uhr).Daß man aus der herkömmlichen Big-Band-Instrumentierung nicht nur swingenden Honig, sondern auch neue Farben saugen kann, das beweisen in dieser Band die aus Argentinien stammende Komponistin Laura Andel und ihr deutscher Kollege Oli Bott.Ihre Charts verwandeln die Berliner Big-Band-Wüste in ein Eldorado prächtiger, phantasievoller Sounds.

Ganz so weit ist das Berliner-Jugend-Jazz-Orchester noch nicht.Der Klangkörper besteht aus jungen, aufstrebenden Spielern, allesamt noch auf der Suche nach einer eigenen Stimme.Aber kein musikalischer Gewinn ohne die Möglichkeit seine improvisatorische Sprache vor Publikum zu entwickeln.Im Quasimodo genießt (Dienstag 23.3., Beginn 22 Uhr) das Orchester klassische Arrangements von Count Basie und Bill Holman, rotzige Jimi-Hendrix-Charts; muntere, köstliche Querfeldein-Fahrten durchs bunte Stil-Gelände des Jazz.Ich wette eins zu hundert, daß diese Musiker bei ihrem Auftritt keine aufhaben werden.Ich meine diese Dinger mit getönten Gläsern, Sonnenbrillen.

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