Kultur : All that Jazz

Vielleicht ist es bereits passiert: Irgendwo in einem abgelegenen Winkel, sagen wir in Malaysia, haben sich ein Mann und eine Frau geliebt, auf einer Bastmatte vielleicht, während die Regenmassen des Monsuns auf die karge Holzhütte niederprasselten, und haben das erste Kind des nächsten Jahrtausends gezeugt.Das Millenium-Baby.Und sie wissen es nicht und wir wissen es auch nicht.Woher auch? Die Straßen sind wegen der starken Regenfälle unpassierbar geworden.Trotzdem wird das Kind wie ein Messias erwartet.Wie wird es aussehen? Wird es groß und stark sein und sich zum Helden eignen? Und ich frage mich voller Euphorie: Wie macht man eigentlich einen Millenium-Song? Und wie wird er klingen? Müssen wir auch in diesem Fall in den Malaysischen Dschungel reisen, um ihn uns anzuhören?

Das Stichwort lautet: Clash of Civilisation.Was ich mir wie einen Auffahrunfall vorstelle.Die eine Zivilisation bremst plötzlich ab und die andere knallt ihr hinten rein.Und dann passiert das Unvermeidliche.Der CD-Wechsler im Kofferraum wird voll getroffen und im nächsten Moment ist die Kreuzung von einem Schwarm wild umherfliegender Silberscheiben eingedeckt.Die Ordnung ist dahin.Hinter dem etwas steif klingenden Namen German Brass verbirgt sich eine "Crossover"-Variante, bei der es ebenfalls heftig scheppert.Das zehnköpfige Blechbläserensemble, dem Musiker aus verschiedenen deutschen Spitzenorchestern angehören, bedient sich aller Genre und Kulturen, von Big-Band-Jazz über Tango, Film- und symphonischer Musik, um sie in ein vitales, funkensprühendes Kaleidoskop zu verwandeln.Dabei vermischen sie die Einflüsse nicht, sondern wollen das Material so stilgerecht und perfekt wie möglich umsetzen - auch wenn es zum Beispiel aus Malaysia käme (Hochschule der Künste, 21.4., Beginn 20 Uhr).

Blechbläser haben es einfach.Sie haben den Zirkus, Volksfeste und Militärparaden, wo sie zwischen Losverkäufern, Bratwurstbuden und Riesenrad einen Instinkt für die Launen der Masse entwickeln.Das Ensemble Oriol hat nur Streicher.Aber sein Vorhaben ist nicht minder gewagt: Es bringt ein "Lomographien" genanntes Werk zur Uraufführung, das der erst 22jährige Komponist Hannes Galette-Seidel für Solovioline, Streichorchester, Rapper und Electronics geschrieben hat.Daß er sich für seine akustischen Szenenfragmente an der für ihren Zufallseffekt beliebten Lomographie orientiert, deutet an, daß die Vermischung fremder Kulturen - in diesem Fall von Club / Straße und Konzertsaal - ein Mosaik erzeugen will (Kalkscheune, heute um 21 Uhr / Kammermusiksaal der Philharmonie, morgen um 20 Uhr).

Dem in Berlin lebenden Jazz-Trompeter Paul Brody ist ebenfalls an einer kulturellen Durchdringung gelegen.Seine Band "Tango Toy", deren Musik er mit "Serious Fun" umschreibt, greift auf jüdische Folklore zurück, um einen Bogen von Klezmer zu Gershwin zu spannen (Tender, 22.4., Beginn 22 Uhr / Badenscher Hof, 23.4., Beginn 21 Uhr).

Der Jazz ist zwar kein männliches Universum mehr, aber Frauen wirken an bestimmten Instrumenten trotzdem noch ungewöhnlich.Zum Beispiel an der Trompete.Ingrid Jensen muß deshalb immer wieder Vorurteile abwehren.Die 33jährige gebürtige Kanadierin zählt zu den hoffnungsvollsten Talenten auf ihrem Instrument, dem sie mit souveränder Technik und einem erstaunlichen Tonumfang schöne, entspannte Improvisationen entlockt.Im A-Trane ist die Professorin am Linzer Bruckner-Konservatorium als Gast des Maria Baptist Trio zu hören (22.4., Beginn 22 Uhr).Dessen kammermusikalische Strenge dürfte ihrem hintergründigen Spiel sehr entgegenkommen.

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