Kultur : All That Jazz

WOLF KAMPMANN

Bei Jazz Across The Border wurde der Beweis wieder einmal angetreten: Nicht nur wo Jazz draufsteht, ist Jazz drin. Es gibt unzählige Definitionen dafür, was Jazz sein soll, doch zum Glück ist die Musik selbst stets allen Gedanken, die sich kluge Köpfe um sie machen, ein gutes Stück voraus. Und: Allen Unkenrufen zum Trotz zieht sich der Jazz immer wieder am eigenen Zopf aus dem Sumpf, in dem er zu ersticken droht. Was zwanzig Menschen nicht jindermit diesem Begriff zwanzig unterschiedliche Dinge verbinden, die einander nicht einmal überlappen. Allein schon daran, ob mann die vier Buchstaben J-A-Z-Z in bewährter englischer oder ketzerischer deutscher Betonung aneinander reiht, also Dschäß oder Jatz sagt, können sich Glaubenskriege entzünden.

So stellt sich denn tatsächlich die Frage, was eine Band wie Spain mit Jazz zu tun hat. Ist es vielleicht nur der Name des Bassisten und Sängers Josh Haden? Schließlich basiert ein nicht unerheblicher Teil der Jazz-Geschichte auf Namen. Wie die Familien Ellington, Mingus oder Marsalis haben auch die Hadens längst eine Dynastie aufgebaut. Doch im Gegensatz zu den Begründern der anderen Clans hat Charlie Haden, der in den großen Jazz-Polls als Kontrabassist seit Jahren an der Spitze, peinlich darauf geachtet, daß seine reiche Nachkommenschaft über den Tellerrand des Jazz hinausschaut. Sein größter Traum wäre es, mit seinen drei Töchtern und dem Sohn Josh ein Bluegrass-Familienalbum aufzunehmen.

Noch ist es aber nicht so weit, denn Josh Haden hat mit Spain gerade ein Album aufgenommen, das er in der Knaack-Brauerei nun live vorstellt (Mo. 21.6., 21 Uhr). Die Band Spain ist eigentlich aus der Einsicht geboren, daß Haden gar keinen Jazz spielen kann. In Paul Motians Electric Bebop Band (der Drummer und Leader ist ein alter Weggefährte Charlie Hadens) war er der einzige, der keine Noten lesen konnte. Wer Jazz als improvisierte Musik oder Aufeinanderfolge halsbrecherischer Tonkonvolute versteht, wird an diesem Abend kaum auf seine Kosten kommen. In den Konzerten dieser introvertierten Band ist der Jazz ein Unterton, eine Vibration, eine latente Stimmung.

Apropos Namen. Kaum zwei Namen sind so mit der deutschen Jazz-Geschichte verbunden wie Albert Mangelsdorff und Wolfgang Dauner. Vierzig Jahre lang haben der Posaunist und der Pianist keine Sackgasse gescheut, um sich und zahllosen anderen teutonischen Glaubensringern Auswege aus erstarrten Traditionen und erkaltenden Avantgardismen zu weisen. Über dem ewigen Kampf haben sie sich allen Ballasts entledigt und zu einer einzigartigen Harmonie gefunden, die frei von jener vielbeschworenen schwarzen Erfahrung die spirituelle Seite des Jazz herauskehrt - am Freitag, den 25.6. um 20 Uhr im Victoria Quartier.

Wer Jazz schließlich als Spektakel versteht, wird bei den 39. Jazz Units in der Wabe auf seine Kosten kommen (Samstag, 25.6., 20 Uhr). Gitarrist Uwe Kropinski ist für seine akrobatischen Gitarrenläufe bekannt, die oft wie ein Seiltanz anmuten. Nicht selten stürzt er aus schwindelerregender Höhe ab, um am Ende doch noch den Fuß auf den Draht zu bekommen. Virtuosität wird hier in den Exzeß gesteigert. Gemeinsam mit seinen alten Gespielen Volker Schlott, Peter Gröning und Günter Bartel trifft Kropinski auf das Trio des Flötisten Michael Heupel. Drei einander geradezu ausschließende Auffassungen, die trotzdem für ein und dasselbe musikalische Genre stehen. Doch gerade daß er sich nicht auf ein genau umrissenes Spektrum von Ausdrucksweisen festlegen läßt, macht die Stärke und Vitalität des Jazz unserer Tage aus.

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