Kultur : All that Jazz

GÜNTHER HUESMANN

Der selige Charlie Parker würde sich die Augen reiben, wenn er mitansehen dürfte, was Jazzmusiker heute im Namen seiner Musik anstellen. In den vierziger Jahren war Bebop der Sound von aufbegehrenden Jazz-Rebellen. Die Musik: eine Revolte. Und was ist Bebop heute? Der Sound der Akademien und Jazzschulen. Das Lieblingskind von Didaktikern. Charlie Parker hatte einen unersättlichen Appetit auf Hähnchen, Drogen, Frauen und gute Musik. Am Ende seines Lebens war er ein dicker Mann, der seine Kompositionen im Taxi auf dem Weg zum Plattenstudio schrieb. Der benebelt in der Badewanne schlief, um von dort aus auf die Bühne der Carnegie-Hall zu wanken. Der aus ständigem Geldmangel sein Saxophon im Pfandleihhaus abgab, und auf einem geliehenen Instrument, welches notdürftig mit Gummibändern und Kaugummi geflickt war, göttliche Jazz-Soli spielte.Heute schlafen Bebop-Musiker in Designer-Betten. Sie tragen Krawatte und Anzug, trinken Obstsäfte, achten auf ihre Figur, sind (fast) immer treue Ehemänner, haben ein Pfandleihhaus (gottlob) noch nie von innen gesehen und kennen (auch gottlob) die Carnegie-Hall nur als Zuhörer. All das - und noch viel mehr - sei ihnen gegönnt. Aber daß sie eine Musik aufspießen und wie ein totes Insekt sezieren, das verzeihe ich ihnen nie. Der Vitrinen-Jazz der Neobopper erzählt keine Geschichten. Die Licks der Jazz-Vergangenheit müssen herhalten, wo persönliche Antworten gefragt sind. Es ist ein Wühlen im Lego-Baukasten der Tradition. Die Baupläne kommen von anderen. Sie entspringen nicht der eigenen Erfahrung. Geliehene Identitäten kosten viel, besonders im Jazz.Aber man kann den Bebop auch heute noch lebendig spielen. Etwa wenn man ihn wie das Coburger/Braune/Berns/Köbberling Quartett als starting point nimmt, als Sprungbrett für Räume, die sich stilistisch nach vielen Seiten hin öffnen. Saxophonist Gabriel Coburger und Drummer Heinrich Köbberling haben ihr Spiel im Haifischbecken des New Yorker Jazzszene rhythmisch bißfest gemacht. Gemeinsam mit Pepe Berns, der sich immer mehr zu einer dominierenden Baß-Säule des Berliner Jazz entwickelt, schürfen sie im A-Trane von Dienstag bis Freitag (Beginn jeweils 22 Uhr) nach Improvisationsgold.Einer, der den rasenden Motivstrudeln des Bebop entfloh, um sein Gück in einer Art Teletubby-Swing zu suchen (auch wenn es den in den sechziger Jahren noch gar nicht gab) war Max Greger. Der Tenorsaxophonist hat das Kunststück fertiggebracht, den Jazz so fernsehgerecht und unterhaltsam aufzubreiten, daß er einen festen Platz zwischen dem Schaumstoff-Sofa und der Kommode im Gelsenkirchener Barock fand. Am Samstag präsentiert sich Greger beim 4. Köpenicker Blues & Jazzfestival mitsamt Sohn und dem präzise wie ein Schweizer Uhrwerk trommelnden Drummer Charlie Antolini (Beginn 20 Uhr).Zur selben Stunde bei den Hofkonzerten im Podewil sozusagen ein Instrumental-Kollege von Max Greger; ein Musiker, der den Bebop zwar nicht phrasiert, dafür aber um so stärker lebt: Peter Brötzmann, der saxophonspielende Urschrei-Therapeut des Free Jazz, ist immer noch eine Klasse für sich. Die aus seinem Horn quellenden Klangballungen sind Musterexemplare gestalteter musikalischer Hochenergetik. Wobei der Meister des wuchtig überblasenen Tenorsaxophons besonders im Alter weit mehr als den hasadierenden Klang-Wüterich gibt. In seinem Trio ist neuerdings auch Platz für - ja ich weiß, das ist ein seltenes Wort im Zusammenhang von Brötzmann-Ankündigungen - Lyrik. Es brötzt so schön das Brötzophon. Das Glück kommt aus Wuppertal, und manchmal heißt es Peter Brötzmann.

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