Kultur : All und Rauch

Weise und weiße Botschaften aus dem Ofenrohr: eine Geschichte der Rauchsäule und ihrer Zeichensprache

Kai Müller

Weißer Rauch kann tückisch sein. Wer wüsste das besser als Cheech und Chong, die beiden Hippiekiffer, die sich gern extravagante Joints bauen und ins selige Reich kichernder Umnachtung driften? Das ewige Gequalme bleibt der Polizei nicht verborgen, und so werden die langhaarigen Haschfreaks nach Mexiko abgeschoben. Um in die USA zurückkehren zu können, überführen sie den grünen Van eines Onkels. Alles ist gut, bis sich ihr Gefährt plötzlich in eine fahrende Nebelkerze verwandelt. Dicke weiße Rauchschwaden wirbeln hinter dem Lieferwagen auf – und die Menschen und Tiere um sie herum scheinen auf einmal irgendwie verändert. So beseelt. So locker wie sie nach Ansicht der beiden Easy Rider eigentlich immer sein sollten.

In der Kulturgeschichte des Abendlandes hat weißer Rauch stets diese bewusstseinserweiternde Wirkung entfaltet. Ob Weihrauch in Kirchen und bei Prozessionen, Räucherstäbchen in Managerseminaren oder der Schwelbrand eines Fahrzeugs, das wie in dem Film „Viel Rauch um nichts“ (1978) komplett aus Marihuana besteht – derlei Umnebelungen bewahren ein okkultes Erbe, das die rationalismusvernarrte Zivilisation um eine geistige Dimension erweitert: den Rausch. Der bemächtigt sich des Menschen, ohne dass dieser es abwenden könnte. Denn er nutzt den ersten und wichtigsten Reflex aus. Das Atmenmüssen.

Die Welt – zumindest ihr christlicher Teil – wird aufatmen, wenn dieser Tage weißer Rauch aus dem Ofenrohr der Sixtinischen Kapelle aufsteigt und die Kür eines neuen Papstes verkündet. Nach jedem Wahlgang des Konklaves werden die Stimmzettel in einem Ofen verbrannt. Früher wurde entweder trockenes Stroh (schwarzer Qualm) oder feuchtes hinzugegeben, um die ausgesperrte Öffentlichkeit über Erfolg oder Misserfolg der Stimmabgabe zu unterrichten. Heute besorgen das chemische Zusätze.

Es ist ein Akt vorsätzlicher Luftverschmutzung, und das in einem Land, in dem das öffentliche Rauchen praktisch zum Erliegen gekommen ist. Seit die Berlusconi-Regierung ein absolutes Rauchverbot in Italiens Restaurants, Bars, Geschäften und an Arbeitsplätzen durchgesetzt hat, begnügen sich die hartgesottenen Nikotinjunkies mit der Stehzigarrette an einer Straßenecke. Rauch, dieses „Mehrphasensystem“ aus feinsten Partikeln, das von den Verbrennungsgasen getragen wird, hat einen schlechten Ruf bekommen. Felder werden nicht mehr abgebrannt, der Gartenmüll nicht einmal wöchentlich verfeuert, selbst eine im Straßencafé qualmende Zigarre erfüllt längst den Tatbestand der Nötigung.

Wir wollen die Luft möglichst farblos, nicht mehr als Medium einer Zeichensprache, die sich wie in archaischer Vorzeit über große Entfernungen mitzuteilen vermochte – und eben auch stank. Von den nordamerikanischen Indianern ist die Technik überliefert, Botschaften mit Hilfe einer Decke zu formulieren, die über eine Feuerstelle geworfen Rauchwolken als Morsecode versendet. In dieser primitiven Frühform der Telekommunikation bekam das Wort „Auflegen“ einen ganz anderen Sinn.

Auch das Orakel von Delphi, bei dem die Griechen in schwierigen Fragen göttlichen Beistand ersuchten, kreiste um „berauschende Dämpfe“. So inhalierte Pythia, die Hohepriesterin des Tempels, durch die Apollon seinen Ratschluss mitteilen ließ, den Rauch von Lorbeerlaub, Gerstenmehl und anderen halluzinogenen Kräutern. In eine Art Trance-Zustand versetzt, sprach sie dann ihre rätselhaften Verse.

Die Idee, dass Rauch den Menschen etwas mitzuteilen hat, lebt fort in den farbigen Markierungswolken, mit denen Militärs ihre Landezonen definieren. Dieselben (orangenen) Rauchsignale werden im Seenotfall benutzt. Und womit, wenn nicht mit einer lodernd-qualmenden Rauchsäule, machen in der Abenteuerliteratur all jene Gestrandeten auf sich aufmerksam, die sich in den Weiten eines Ozeans verloren haben? Die Einfachheit der Mittel steht in großem Gegensatz zur Reichweite ihrer Wirkung. Das ist bis heute so geblieben. Der weiße Rauch über dem Vatikan mag ein archaisches Symbol sein, einfacher kann das, was er sagen will, nicht gesagt werden: Ja.

Erinnern wir uns an den Großbrand in einem Schweizer Spielcasino, der die Rockband Deep Purple zu einem der berühmtesten Songs der Popgeschichte inspirierte: „Smoke On The Water“ erzählt, wie die Halle, in der Deep Purple eine Platte aufnehmen sollen, vorher in Flammen aufgeht. Der Rauch breitet sich über dem Genfer See aus, das Feuer schlägt in den Himmel. Immer wieder kommt die Band um Gitarrist Ritchie Blackmore zu diesem Bild zurück. Es ist so zerstörerisch wie triumphal: Eine Feuertaufe. Am Ende bejubelt das britische Quintett seinen eigenen Durchbruch. Es hat sich nicht unterkriegen lassen und im Grand Hotel eine neue Bleibe gefunden („With a few red lights and a few old beds/ We make a place to sweat“).

Eine Rauchwolke, die sich unvergesslich ins Bewusstsein eingebrannt hat, ist die des 11. September. Der brennende Doppelturm des World Trade Center wirkte auch wie eine grausame visuelle Anspielung auf die Krematoriumschornsteine von Auschwitz, dem Vernichtungsfanal des 20. Jahrhunderts. Es wurde auf fürchterliche Weise deutlich, dass über 2700 Menschen sich vor den Augen der Welt in nichts auflösen können. Wenn man denn die Schwebstoffe und Rauchpartikel nichts nennen darf, die nach dem Einsturz der Gebäude als Staubwolke durch Manhattans Straßen fegten.

Rauchwolken sind Botschafter des Todes. Sie demonstrieren sichtbar und fühlbar, dass das organische Leben nicht von Dauer ist. Dass es zerfällt und seine stoffliche Existenz aufgibt. So ist die Totenverbrennung im Hinduismus ein Akt der Seelenwanderung, bei dem die körperliche Hülle auf ihren irdischen Rest zusammenschmilzt, während der Geist, von ihr befreit, ins Reich der Ahnen überwechseln darf.

Obwohl auch im westlichen Kulturkreis die Feuerbestattung an Bedeutung gewinnt, haben wir keinen Sinn für die Signaturen des Rauchs, die unverständliche Zeichen an den Himmel malen. Wir wollen das saubere Ereignis, die technisch kontrollierte, gefilterte Entsorgung, kurz: ein Feuer ohne Rauch.

George Bernard Shaw schrieb über die Einäscherung seiner Mutter, rauchfrei: „Die Leute haben Angst, sich das anzusehen; aber es ist wundervoll. Keine Hitze. Kein Geräusch. Kein bullernder Zug. Keine Flamme. Kein Brennmaterial. Es sah kühl, sauber, sonnig aus, obwohl kein Sonnenstrahl dort hindringen konnte. Man hätte hineinspazieren oder die Hand hineinstecken mögen, ohne sich was dabei zu denken.“

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