Kultur : Alle Achtung

BORIS KEHRMANN

Bruckners "Nullte" Sinfonie eignet sich als Einführung in seinen sinfonischen Stil.Viele charakteristische Merkmale sind 1863/69 prägnant ausformuliert.Peter Gülke hob mit dem präzis und konzentriert mitgehenden Orchester der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" im Schauspielhaus die konstruktiven Elemente in aller Bestimmtheit heraus.Den zehn eher erregt aufbrandenden als lärmigen Steigerungswellen des Kopfsatzes unterlegte er das strenge Metrum eines schneidigen Marschschritts und gab ihnen so jene Zielstrebigkeit, die schnurstracks in den heftig bewegten Stillstand der Kadenz führte.Das Andante brachte die Lösung der Spannung in zwei kantablen Streicher- und Bläsergesängen von schubertscher Schlichtheit und Ruhe, sorgte aber auch mit einem Trugschluß à la Bruckner für Irritation.Nach diesem freundlichen Einschub ließ Gülke das Scherzo wie ein Erdbeben dreinfahren.Der deutlich akzentuierte Dreivierteltakt machte den Ländler zum Zyklopen-Tanz - eine Überzeichnung, die sich selbst ad absurdum zu führen schien.Die großartig herausgearbeitete Orchesterfuge des Finalsatzes stellte die Ordnung des großen Gefüges schließlich wieder her.Auch hier machte Gülke mit dem pfiffigen Anhängsel der trocken-lakonischen Coda sofort wieder sein Fragezeichen hinter die verhaltene Monumentalität - ein hervorragender Ausweis für die Professionalität und Klangkultur des Hochschulorchesters.

Mit ungewöhnlich gedämpften Farben warteten die Interpreten bei Beethoven auf.Aus den Bässen schien sich das Geschehen immer neu zu entwickeln, um dem hervorragend aufeinander abgestimmten Duo Isabelle Faust und Clemens Hagen und dem etwas zu diskret am Flügel begleitenden Bruno Canino - die Bühne zu bereiten.Enttäuschend fiel die Begegnung mit der Symphonischen Elegie aus, die Ernst Krenek dem Andenken Anton Weberns widmete.Die monochrome Streichersinfonie rekurriert mit abrupt abbrechenden Linien auf den Topos des abgebrochenen Gesangs, ohne ihn in eine spannungsvolle künstlerische Form bringen zu können.

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